Bauernkind mit Forschergeist
© Franz Oss
Wenn man Theresa Leitner nach ihren Wurzeln fragt, antwortet sie, nicht ganz ohne Stolz: „Ich bin ein Bauernkind.“ Aufgewachsen ist die wissenschaftliche MCI-Tourismus-Mitarbeitern in St. Johann in Tirol am Hof ihrer Eltern, im Spannungsfeld zwischen Tourismus und Landwirtschaft. Doch eigentlich beginnt die Geschichte ein wenig früher: In den 1960ern war ihr Großvater verkehrsbedingt gezwungen, seinen Hof in Radfeld zu verkaufen. „Der neue Hof in St. Johann war deutlich teurer“, erzählt die Enkelin. „Um den Verlust wettzumachen, hat er auf den Tourismus gesetzt, der damals gerade zu boomen begann.“ Und die Rechnung ging auf: Zuerst entstand ein Gasthof im eigenen Haus, der bald Gäste vor allem aus Deutschland und Großbritannien anlockte. Kurz darauf kam ein Campingplatz dazu
„Der Tourismus formt nicht nur das Land, sondern bringt auch seine Besonderheiten ans Licht und schätzt sie.“
Zwei Seiten
„Mein Großvater war Touristiker mit Leib und Seele“, erinnert sich Leitner. Eine Trennung von Privatem und Betrieb gab es für ihn nicht. „Gäste und Familie haben sich ein Dach geteilt. Man war 24 Stunden, sieben Tage die Woche für sie da.“ So war es für sie Teil der Kindheit, an der Rezeption auszuhelfen oder am Kiosk zu kassieren. Doch die Landwirtschaft blieb ein mindestens ebenso prägender Faktor – insbesondere nachdem die nächste Generation das Ruder übernommen hatte: Während ihr Großvater das Gastgewerbe und sein Potenzial mit offenen Armen willkommen geheißen hatte, sah Leitners Vater es deutlich differenzierter.
„Er war vom Herzen her vor allem Bauer. Dem Tourismus ist er mit mehr Argwohn begegnet – wohl auch, weil er seine Schattenseiten viel klarer gesehen hat.“ Entsprechend anders führte er nach der Übernahme auch den Betrieb: Der Gasthof wurde aus dem Wohnhaus ausgegliedert. Pläne, ein Hotel zu bauen, verwarf er. Die Campinggäste erwarteten sich ein Hallenbad, doch stattdessen wurde in einen modernen Laufstall für die Kühe investiert. „Unser Campingplatz wurde klar als ‚Camping am Bauernhof‘ profiliert“, erklärt Leitner. „Die Landwirtschaft hatte Vorrang – wenn das Wetter umschlug, mussten die Gäste schon mal warten.“
„Mein Großvater war Touristiker mit Leib und Seele. Gäste und Familie haben sich ein Dach geteilt. Man war 24 Stunden, sieben Tage die Woche für sie da.“
Entdeckte Leidenschaft
In diesem Kontext aufgewachsen, entwickelte Leitner ein Gespür für das Konfliktpotenzial, aber auch die Bedeutung, die der Tourismusbranche innewohnt. „Was mir aber nicht bewusst war“, sagt sie. Sich beruflich damit zu befassen, kam ihr gar nicht in den Sinn. Stattdessen sah sie ihre Zukunft als Biologin: Naturverbunden und -interessiert inskribierte sie an der Universität. „Dort hat es aber nur Wochen gedauert, bis ich gemerkt habe, dass mein Zugang zu idealistisch geprägt war“, meint Theresa Leitner rückblickend. Auf der Suche nach einer Alternative, wechselte sie auf das Tourismuskolleg, um etwas mit Praxisbezug zu lernen. „Weil ich gemerkt habe, dass ich wirtschaftliches Grundwissen brauche, um mir in dieser Welt nichts vormachen lassen zu müssen.“ So entdeckte sie ihre Leidenschaft: „Für den Tourismus, nicht nur als Arbeitsfeld, sondern auch als Möglichkeit, etwas in Tirol zu bewegen und zu verändern.“ Einmal auf den Geschmack gekommen, wechselte Leitner nach ihrem Abschluss nahtlos ans MCI Tourismus – um die gelernte Praxis um ein wissenschaftliches Fundament zu ergänzen.
Zur Person
Theresa Leitner hat das Tourismuskolleg in Innsbruck abgeschlossen und am MCI Tourismus studiert. Dort ist sie seit 2012 als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig und war unter anderem an der Entwicklung des Strategiepapiers „Tiroler Weg 2021“ beteiligt.
Tourismus im Kontext
Der Hochschule ist Theresa Leitner seither treu geblieben. Seit 2012 forscht und lehrt sie dort. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin befasst sie sich vor allem mit alpinem Tourismus sowie Tourismus und Raumnutzung – was ihr auch einen Anknüpfungspunkt für das Thema Landwirtschaft bietet. Ihre Expertise floss unter anderem in die Entwicklung des Strategiepapiers „Tiroler Weg 2021“ ein. Aktuell arbeitet sie an der Auswertung einer Studie zur Tourismusgesinnung der Tiroler. Die Wechselwirkung und Kooperation zwischen Landwirtschaft und Tourismus zu ergründen ist ein weiteres Projekt, das gerade anläuft.
„Der Tourismus formt nicht nur das Land, sondern bringt auch seine Besonderheiten ans Licht und schätzt sie“, sagt Theresa Leitner. Man dürfe ihn weder glorifizieren noch verdammen und auf keinen Fall im Vakuum betrachten. „In seiner idealen Form sollte der Tourismus Säule des Wohlstands sein, die vom Lebensraum aller ebenso reguliert wie inspiriert wird“, so die Tourismusforscherin. Das würde garantieren, dass er dem Land als Ursprung treu bleibt und die Realität widerspiegelt. Seine Potenziale in seinem Kontext zu entwickeln ist eine dynamische Aufgabe und spannende Herausforderung.“
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