„Tourismus und Mobilität funktioniert nur dann, wenn alle an einem Strang ziehen“
© VVT
ZUR PERSON
Alexander Jug
ist seit 2016 Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Tirol.
Saison: Herr Jug, wie sieht die Mobilität der Zukunft aus? Alexander Jug: Die Mobilität der Zukunft wird bunter, es wird mehr zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln gewechselt werden. Es wird immer Autoverkehr geben, aber die Leute werden flexibler sein, andere Verkehrsformen ausprobieren, mehr zu Fuß gehen und die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen – der Modal Split wird sich hier stark ändern.
Was funktioniert in Sachen Mobilität in Tirol bereits gut? Wir hatten 2016 79.000 Stammkund:innen, heute sind es 141.000. Das ist ein klares Zeichen, dass sehr viel gut funktioniert. Wir haben das Angebot in den letzten Jahren massiv ausgebaut, alleine im letzten Jahr wurde das Zugangebot in Tirol um 780.000 Kilometer erweitert. Auch die Busangebote sind stark ausgebaut worden, und dazu gibt es mit den Klimatickets Österreich, Tirol und U26 unglaublich attraktive Tarifangebote.
Wo gibt es noch Luft nach oben? Bei der Mobilität in den Randzeiten und am Wochenende, und auch in den Seitentälern – wir wollen, dass die Leute den öffentlichen Verkehr überall bis vor ihr Haus nutzen können, und da gibt es Verbesserungsbedarf. Im Freizeitverkehr müssen wir die einheimische Bevölkerung noch mehr überzeugen, dass man auch am Wochenende nicht immer das Auto braucht.
Gibt es Vorbilder für die Mobilitätsentwicklung in Tirol? Die Inspiration findet definitiv in der Schweiz statt. Dort ist man, was den öffentlichen Verkehr betrifft, schon seit Jahrzehnten vorbildlich. Österreich ist in Summe auf einem guten Weg, aber wir sind noch nicht da angelangt, wo die Schweiz jetzt ist. National lohnt der Blick nach Vorarlberg. Unter den Verkehrsverbünden tauschen wir uns immer aus und übernehmen wechselseitig Dinge. Die Fahrradboxen in Sölden sind zum Beispiel in Vorarlberg entstanden.
Wie relevant sind öffentliche Verkehrsmittel für den Tourismus? Die Öffis werden immer wichtiger, weil in den Zielmärkten – ich denke jetzt an Hamburg oder Berlin – immer mehr Leute gar kein Auto haben oder einfach sagen, ich muss nicht jeden Weg mit dem Auto zurücklegen. Die Mobilität vor Ort wird immer mehr zu einem Entscheidungskriterium, wo man den Urlaub verbringt und wie man dorthin gelangt.
Sehen die heimischen Touristiker:innen das auch so? Ja. Tourismus und Mobilität funktioniert nur dann, wenn alle an einem Strang ziehen, und es ist deutlich erkennbar, dass auch bei den Tourismusverantwortlichen das Bekenntnis zu mehr Nachhaltigkeit da ist und allen klar ist, dass man hier etwas tun muss. Der Ausbau in den Tälern ist nur mit diesem klaren Bekenntnis und dem Verständnis, dass Nachhaltigkeit ein wichtiges Handlungsfeld und Zukunftsthema ist, möglich – ohne den Tourismus würde es beispielsweise im Ötztal keinen Halbstundentakt geben, der ja auch den Einheimischen zugutekommt.
Wie kann man die Anreise mit Bus und Zug noch attraktiver gestalten? Wir müssen einfach das Angebot schaffen. Was die ÖBB mit dem NightJet machen, ist eine tolle Sache, die europaweit viel Aufmerksamkeit erzeugt. Solche Angebote sind vorbildhaft und gehören ausgebaut. Unser Job ist es, zu schauen, dass dann auch die Mobilität vor Ort passt und Gäste ganz entspannt ihren Urlaub verbringen können. Ich nehme da gerne das Beispiel Ötztal, wo man wunderbar ohne Auto anreisen und den Urlaub genießen kann, weil es eine Busverbindung im Halbstundentakt gibt. Und natürlich geht es auch um die Änderung der Gewohnheit – bei der Familie, die seit zehn Jahren mit dem Auto ins Ötztal fährt, braucht es wie beim Berufspendler ein Umdenken, und das braucht einfach Zeit.
In Deutschland war das 9-Euro-Ticket ein großer Erfolg, aktuell wird gerade ein Nachfolgeticket um 49 Euro im Monat auf Schiene gebracht. Ist eine ähnliche Aktion auch in Österreich vorstellbar? Ich glaube, in Österreich gibt es mit dem Klimaticket Österreich schon ein sehr attraktives Angebot, wo auch der Fernverkehr inkludiert ist. Und es gibt immer eine zweite Komponente: Neben dem attraktiven Tarifangebot braucht es auch die notwendige Infrastruktur, und der Erfolg des Klimatickets Österreich ist auch dem geschuldet, dass das Angebot einfach funktioniert. Die Qualität muss passen, und da ist das Gesamtpaket in Österreich ein unschlagbares. Man wird sehen, wo es in Deutschland hingeht, aber es zeichnet sich ab, dass es in eine ähnliche Richtung gehen wird wie bei uns.
Hat sich das Klimaticket so entwickelt, wie Sie es erwartet haben? Wir waren überzeugt, dass es erfolgreich sein wird, aber dass es so erfolgreich ist, überrascht uns selbst. Gerade das Klimaticket Tirol U26 ist ein geniales Ticket, weil es für Studierende zwar schon attraktive Angebote gegeben hat, das Ticket jetzt aber für alle unter 26 gilt. Mit diesem Ticket schaffen wir einen Anreiz, nach dem Schulticket Tirol weiterhin günstig bei den Öffis zu bleiben.
Im Zuge der angepeilten Mobilitätswende ist Dekarbonisierung eines der größten Themen. Welche Schritte werden beim VVT gesetzt? Wenn man Tirol 2050 energieautonom ernst nimmt und umsetzen will, gehört auf jeden Fall dazu, dass wir unsere 650 Dieselbusse dekarbonisieren. Wir haben gemeinsam mit den Innsbrucker Verkehrsbetrieben eine Strategie ausgearbeitet, die im September in einen Beschluss der Regierung eingeflossen ist und vorgibt, dass bis 2035 alle 650 Busse auf emissionsfreie Antriebe umgestellt werden müssen und der letzte neue Dieselbus 2027 angeschafft wird – also ein sehr ambitioniertes Ziel, das wir aber mit Nachdruck verfolgen.
Welche Rolle spielen Wasserstoff und E-Antriebe? Wasserstoff ist eine sehr spannende Technologie, deshalb sind wir auch bei dem Projekt H2Alpin dabei, mit dem Ziel, zwei Wasserstoffbusse anzuschaffen und zu testen, wie sie im alpinen Umfeld funktionieren und was notwendig ist, um sie erfolgreich einzusetzen. In Landeck starten wir außerdem gerade ein Projekt mit E-Bussen. Es klingt so einfach, einen Dieselbus durch einen E-Bus zu ersetzen, aber da steckt sehr viel dahinter, vom Thema Ladestationen bis zur Frage, was die beste Antriebsform ist, um beispielsweise von Imst nach Obergurgl zu kommen. Aber das Ziel ist definiert, und damit für uns auch die weitere Vorgehensweise.
Das Klimaticket in Tirol in Zahlen
Klimatickets U26:
15.025
Klimaticket Österreich:
über 11.000
Klimaticket Senior:
28.576
Klimaticket Tirol:
29.498
(Stand: Oktober 2022)
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