„Tirol wird diese Krise meistern“
Herr Landeshauptmann, die Coronakrise trifft den
Tourismus besonders hart, seitens Bund und Land wird
stets bekräftigt, dass ausreichend Hilfsmittel zur
Verfügung gestellt werden – wie viel Geld ist bereits
geflossen?
Günther Platter: Wegen der
Corona-Pandemie befinden sich Tirol, Österreich und die
ganze Welt in einer Ausnahmesituation. Was als
Gesundheitskrise begonnen hat, ist längst zu einer
Wirtschaftskrise geworden. Zentral davon betroffen ist
auch der heimische Tourismus – nicht zuletzt aufgrund
der restriktiven Reisebeschränkungen. Dennoch bin ich
überzeugt, dass wir unser Land unter großer
Rücksichtnahme aufeinander gemeinsam wieder in Schwung
bringen werden. Der Tiroler Tourismus spielt dabei eine
zentrale Rolle, weil er eine Schlüsselbranche unseres
Landes ist.
Um die finanzielle Notlage der Menschen und der heimischen Betriebe abzufedern, hat das Land Tirol ein 400 Millionen Euro schweres Maßnahmenpaket geschnürt, das sich als Ergänzung zu den Förderinstrumenten des Bundes in dieser Krise wie etwa Härtefallfonds und Kurzarbeit versteht. Erst diese Woche hat die Bundesregierung ein Wirtshauspaket im Umfang von 500 Millionen Euro präsentiert, um die Gastronomie und den Konsum anzukurbeln.
Als Land entlasten wir die Tiroler Unternehmen, indem diesen 30 Millionen Euro an Pflichtbeiträgen an die Tiroler Tourismusverbände erlassen werden. Gleichzeitig unterstützen wir die Tourismusverbände mit insgesamt 40 Millionen Euro, die Hälfte davon kommt vom Land Tirol, die andere Hälfte vom Tiroler Tourismusförderungsfonds.
© Land Tirol
Gibt es weitere Unterstützung?
Das jüngste Unterstützungspaket des Landes Tirol für die
Tourismuswirtschaft umfasst zusätzliche 15,3 Millionen
Euro, die sich aus Mitteln für die Absicherung der
TVB-Arbeitsplätze, zur Sicherstellung der geplanten
Kommunikationsmaßnahmen der Tirol Werbung sowie
Fördermitteln für die touristische Wirtschaftsförderung
und Fördermaßnahmen für Schutzhütten, Rad- und
Wanderwege zusammensetzen. Sollte es erforderlich sein,
können die vorgesehenen Mittel zur Bewältigung der
Corona-Krise durchaus noch aufgestockt werden, die
finanzielle Lage Tirols lässt das zu.
Mitte März wurden die Verluste allein für die
Seilbahnwirtschaft auf 800 Millionen geschätzt, gibt
es Zahlen die gesamte Branche betreffend?
Die Wirtschaftskammer hat verschiedene Szenarien zu den
Auswirkungen dieser Krise erarbeitet. Optimistische
Szenarien skizzieren für 2020 einen Rückgang der Tiroler
Bruttowertschöpfung in Höhe von 2,26 Milliarden Euro.
Pessimistische Szenarien rechnen im schlimmsten Fall mit
einem Verlust von 4,8 Milliarden Euro. Wir unternehmen
jedenfalls intensive Anstrengungen, um unsere Tiroler
Betriebe und damit auch unsere Wirtschaft und
Arbeitsplätze zu schützen. Durch den Ausbruch der
Corona-Pandemie gab es alleine im heurigen März einen
Rückgang von 58 Prozent bei den Nächtigungen in Tirol
gegenüber dem Vorjahr. Finanziell gehen Experten durch
das verfrühte Saisonende von einem Umsatzausfall im
Tiroler Tourismus von rund 1,4 Milliarden Euro aus.
„Sollte es erforderlich sein, können die vorgesehenen Mittel durchaus noch aufgestockt werden, die finanzielle Lage Tirols lässt das zu.“
In welchem Ausmaß wird die Kurzarbeit in der Branche
angenommen?
Tirol verzeichnete im April 44.928 Arbeitslose – 119,2
Prozent mehr als Vorjahr – davon 20.859 im Bereich
Beherbergung und Gastronomie. Die hohen
Arbeitslosenzahlen spiegeln die zentrale Bedeutung der
Tourismusbranche für Tirols Wirtschaft wider. Ende April
betrug der Kurzarbeitsanteil für die Beherbergungs- und
Gastronomiebranche über 18 Prozent. Damit auch die
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Tourismusverbände
in Beschäftigung gehalten werden können, haben wir als
Land beschlossen, dem Verband der Tourismusverbände
einen Landeszuschuss zur Absicherung dieser
Arbeitsplätze in den Tourismusverbänden zu gewähren.
Wir gehen hier bewusst einen eigenen Tiroler Weg, weil
wir davon überzeugt sind, dass es gerade in den
kommenden Wochen und Monaten wesentlich sein wird, auf
die touristische Expertise und Erfahrung der
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Tourismusverbände
setzen zu können.
Gastronomie und Hotellerie dürfen Mitte bzw. Ende Mai
wieder öffnen – ob sich ein Betrieb unter den
gegebenen Voraussetzungen rechnet, wird man noch sehen
müssen, aber wie ist hier Ihre Erwartungshaltung?
Rund 90 Prozent unserer Gäste kommen aus dem Ausland.
Die Öffnung der geschlossenen Grenzen zwischen
Deutschland und Österreich mit 15. Juni ist daher eine
wichtige Botschaft für die gesamte Branche. Auch für
weitere wichtige Nahmärkte schaut es schon sehr gut aus.
Zu Italien wird eine Grenzöffnung wegen der schwierigen
gesundheitlichen Situation dort wohl noch etwas länger
dauern. Ich bin jedenfalls optimistisch, dass Tirol und
auch Tirols Gastgeber diese Krise meistern werden.
Die heimischen Beherbergungsbetriebe und Unternehmen
bereiten sich intensiv auf das Wiederhochfahren vor. Sie
folgen dabei den strengen Gesundheits- und
Hygienevorgaben. Alle, die gerne ihren Sommerurlaub in
Tirol verbringen möchten, können darauf vertrauen, dass
alles getan wird, um die Gesundheit zu gewährleisten.
Auch Freizeitbetriebe werden nur unter
Sicherheitsvorkehrungen aufsperren dürfen – können die
alle erfüllen?
Ich habe volles Vertrauen, dass die Tiroler Betriebe
diese Vorgaben einhalten und damit die Gesundheit jeder
und jedes Einzelnen schützen werden. Unabhängig davon
bietet Tirol aufgrund seiner Natur und der vielen
Angebote wie etwa Wandern oder Radfahren viele
Freizeiterlebnisse, die gerade jetzt stark nachgefragt
werden.
„Unser Ziel ist eine nachhaltige touristische Entwicklung. Das wird auch Grenzen beinhalten und das Zurückschrauben von Extremen.“
Auch der Sommertourismus ist zum Teil von den
Seilbahnen abhängig – man denke an Freizeitparks am
Berg, Almen, aber auch Kleinere wie Anbieter von
Tandemflügen. Gibt es schon einen Plan, wann die
Bahnen wieder fahren dürfen?
Unsere Seilbahnen, Freizeitanlagen und Almen sind ein
zentraler Bestandteil des Tiroler Sommertourismus und
zudem wesentlich für die Freizeitgestaltung der
Tirolerinnen und Tiroler. Deshalb ist es wichtig, dass
diese Einrichtungen basierend auf den Vorgaben der
Bundesregierung mit Ende Mai wieder ihren Betrieb
aufnehmen können und damit wieder eine Vielzahl an
Freizeitaktivitäten möglich sind. Gerade diese
Corona-Krise hat uns bewusstgemacht, wie sehr diese
Einrichtungen und Angebote zur Lebens- und
Freizeitqualität der Einheimischen beitragen.
Die Causa Ischgl hat im In- wie im Ausland für
Aufregung gesorgt – wie kann hier ein Imagewechsel
gelingen?
Einerseits wird es eine tiefgreifende Analyse einer
unabhängigen Expertenkommission geben. Gerade nach so
einer Krise, in der wir es mit einem unbekannten
Phänomen zu tun haben, braucht es eine Manöverkritik.
Wir wollen genau wissen, was in Tirol gut und was
weniger gut gelaufen ist.
Andererseits wird bereits an einer Weiterentwicklung der Tiroler Tourismusstrategie gearbeitet, schließlich wollen wir unseren Erfolg auch in Zukunft absichern. Es muss aber sicherlich nicht alles über Bord geworfen werden, immerhin ist der Tiroler Tourismus eine absolute Erfolgsgeschichte. Dort, wo es notwendig ist, wollen wir aber Dinge auf den Prüfstand stellen. Unser Ziel ist eine nachhaltige touristische Entwicklung, die den Menschen in unserem Land Nutzen und Wohlstand bringt und regionale Qualitäten fördert. Das wird auch Grenzen beinhalten und das Zurückschrauben von Extremen, um die Akzeptanz des Tourismus in der Tiroler Bevölkerung zu garantieren.
Unterstützung für Tourismus
400 Millionen
schwer ist das Maßnahmenpaket, das das Land zusätzlich zu den Mitteln des Bundes (Kurzarbeit, Härtefallfonds) geschnürt hat
500 Millionen
stellt der Bund im Rahmen eines Wirtshauspakets zur Verfügung
30 Millionen
an Pflichtbeiträgen an die TVBs erlässt das Land den Betrieben
40 Millionen
erhalten dafür die TVBs, das Geld kommt zur Hälfte vom Land, die andere Hälfte vom Tiroler Tourismusförderungsfonds
15,3 Millionen
hat das Land Tirol zusätzlich zur Verfügung gestellt für: Absicherung der TVB-Arbeitsplätze, Sicherstellung der geplanten Kommunikationsmaßnahmen der Tirol Werbung, touristische Wirtschaftsförderung und Fördermaßnahmen für Schutzhütten, Rad- und Wanderwege
Wer entwickelt diese Strategie?
Ein Expertenteam unter Führung des MCI Tourismus wird
diesen „Tiroler Weg 2030“ mit Praktikern und
internationalen Fachleuten, aber auch unter Einbeziehung
kritischer Stimmen erarbeiten. Ich möchte dieser Arbeit
nicht vorgreifen, bin aber überzeugt, dass das Ergebnis
ein klares Programm für unsere Tourismusentwicklung sein
wird und garantiert, dass Tirol weiterhin erfolgreich
sein kann. Die vielen positiven Rückmeldungen von Gästen
gerade während der Krise bestärken mich in dieser
Einschätzung.
Abschließend: Wie beurteilen Sie die aktuelle
Gesundheitssituation im Land?
Was die gesundheitliche Situation in Tirol betrifft,
sind wir auf einem sehr guten Weg. Aktuell sind weniger
als 60 Personen mit dem Coronavirus infiziert. Diese
erfreuliche Zahl ist ein Ergebnis unserer harten
Maßnahmen und der großen Disziplin, mit der sich die
Tirolerinnen und Tiroler an die Vorgaben gehalten haben,
wofür ich an dieser Stelle nochmals meinen Dank
aussprechen möchte.
Vielen Dank für das Gespräch.
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