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Was Zimmer ihren Gästen erzählen

Alois Schöpf lebt als Journalist und Schriftsteller in Lans.

MAI 2019Text: Alois Schöpf

Die Architektur macht keinen Lärm. Sie belehrt die Menschen nicht, sie stellt sie lediglich vor vollendete oder eben unvollendete Tatsachen. Dadurch ist ihr Einfluss auf subtile Weise oft größer als noch so aufgeblasene Glücksversprechen. Dies gilt vor allem für Hotelzimmer, bei denen sich jene, die sie einrichten, oft viel zu wenig im Klaren darüber sind, wie viel durch die Botschaft der Innenarchitektur über sie selbst und ihre Bereitschaft ausgesagt wird, ihren Gästen mit Empathie zu begegnen.

Was sind das zum Beispiel für Baukünstler, die Toiletten einbauen, die lediglich durch eine trübe Glaswand vom Rest des Raumes getrennt sind? Gesegnet der Hotelaufenthalt, bei dem die kleinste akustische oder olfaktorische Entäußerung, der sogar die Allervornehmsten der menschlichen Gattung nicht enthoben sind, zu Scham auf der einen und Ekel auf der anderen Seite führt? Was nützt das schönste Designerhotel, wenn dabei das gewöhnliche Leben zugunsten einer zeitgeistigen Schickimicki-Ästhetik aus dem Blickfeld gerät?

Für viele besteht übrigens der Wert eines Urlaubs darin, endlich Zeit zu haben, mit Genuss Bücher zu lesen. Ich kann mich nicht erinnern, dabei in besonders vielen Hotels eine Beleuchtung vorgefunden zu haben, bei der sich ein Fachmann den Kopf darüber zerbrochen hat, ob sie auch für die Lektüre von Büchern geeignet ist. Dies wird natürlich dann zur Groteske, wenn die Besitzer eines solch edlen Hauses sich ihren Gästen gegenüber als Bildungsbürger präsentieren.

Alois Schöpf

Die Architektur macht keinen Lärm. Sie belehrt die Menschen nicht.

Derlei kann auch peinlich werden, wenn es um die Bilder geht, die in Hotelzimmern hängen. Wobei schon klar ist, dass ziemlich viele, selbst seriösest wirkende Gäste der Versuchung nicht widerstehen können, um es vornehm auszudrücken, „etwas mitgehen zu lassen“. Daher ist das Risiko oftmals zu groß, wertvolle Originale an die Wand zu hängen. Diesen bedauerlichen Umstand jedoch durch industrielle Stangenware zu ersetzen, wie sie in jedem Einrichtungshaus billigst zu erwerben ist, muss für jeden Hotelier, sofern er es nicht bewusst auf einen anonymisierten Betrieb angelegt hat, als rufschädigend ausscheiden. Hier hätte die auf die spezifischen Räume angepasste Kunstfotografie endlich ihren Platz!

Da ich als Tiroler meinen Urlaub nicht im Lande verbringe, beziehen sich die Beispiele nicht auf heimische Häuser. Dennoch dürfte die nüchterne Frage auch hierzulande von Bedeutung sein: Was erzählen meine Zimmer dem Gast über mich, meinen Geschmack und mein Haus? Und erzählen sie das, was ich erzählt haben will?

THEMEN IN DIESEM ARTIKEL:
#Kolumne Alois Schöpf#Kultur
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