Kultur statt Natur
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Jeden Sommer leisten die Almbauern mit der arbeitsintensiven Erhaltung und Beweidung ihrer Almen einen entscheidenden Beitrag zum Landschaftsbild Tirols: Ohne die aktive Bewirtschaftung der Almflächen wäre der Großteil des Geländes bis etwa 1.500 Meter durchgehend bewaldet, die üppigen Wiesen und Weideflächen würden nicht existieren.
Positive Effekte
Ursprünglich ging es bei der Almwirtschaft natürlich nicht um die Landschaftsgestaltung, sondern rein um die Tierhaltung, erzählt Helmuth Traxler, Leiter der Innsbrucker Bezirksstelle der Landwirtschaftskammer: „Geschichtlich war die Funktion der Almen die Sommertierhaltung, und das ist sie ja immer noch: Man bringt die Tiere im Sommer aus dem Tal in den sogenannten zweiten Stock, wo es zusätzliche Futterquellen gibt.“
Mittlerweile hat man erkannt, dass die Almwirtschaft auch wichtige Funktionen abseits der Tierhaltung hat – vor allem für den Tourismus, aber auch besonders für die Biodiversität: „Pflanzenarten sind auf Almen so zahlreich und vielfältig wie nirgends sonst in Tirol“, sagt Josef Lanzinger, Obmann des Tiroler Almwirtschaftsvereins. Während man im Tal durchschnittlich auf maximal 20 verschiedene Arten komme, fände man auf den Almen bis zu 100 verschiedene Pflanzenarten. „Würde das Gras nicht gefressen werden, würde sich die Weide einseitig in Richtung Wald entwickeln. Almen sind Kulturlandschaften, sie brauchen die Bewirtschaftung, damit die Artenvielfalt erhalten bleibt.“
Gezielte Almwirtschaft schützt zusätzlich auch vor Elementarereignissen wie Lawinen- und Murenabgängen, wie Lanzinger erklärt: „Wenn Gras gefressen wird, bleibt der Schnee auf der griffigeren Oberfläche liegen. Kann das Gras dagegen zu langem Borstengras wachsen, wird es vom Schnee niedergedrückt und bildet eine Art Rutschbahn für den Schnee, was natürlich gerade hier in Tirol fatal wäre.“ Auch Murenabgänge wären wesentlich wahrscheinlicher, wenn es keine Bewirtschaftung der Hänge gäbe.
„Almen sind Kulturlandschaften, sie brauchen die Bewirtschaftung, damit die Artenvielfalt erhalten bleibt.“
Typische Aufgaben
Da es in Tirol zahlreiche verschiedene Arten von Almen gibt, fallen teils sehr unterschiedliche Aufgaben an – die „eine“ Art von Almwirtschaft gibt es aufgrund der individuellen Voraussetzungen und daraus resultierenden Unterschiede nicht. Allerdings ergeben sich aus der Grundvoraussetzung, dass es für eine Alm unabhängig von ihrer Art immer zumindest Weidefläche und Tiere braucht, die das Gras auf der Weide fressen, zwangsläufig einige Tätigkeiten, die überall Teil der Almwirtschaft sind.
Dazu gehört unter anderem die Erhaltung der Almfutterflächen. Diese sind beweidete, mit Futterpflanzen bewachsene Flächen, die deutlich durch natürliche oder künstliche Barrieren von nicht bewirtschafteten Dauergrünlandflächen abgegrenzt sein müssen; wenn dafür Zäune oder Steinmauern verwendet werden, müssen diese regelmäßig kontrolliert und instandgehalten werden. Auch die Futterflächen selbst müssen durchgehend gepflegt und frei von störenden Elementen gehalten werden: Beim sogenannten Entsteinen werden – wie der Name schon verrät – auf die Weide gefallene Steine entfernt, weil an diesen Stellen sonst kein Gras wachsen kann. Beim Schwenden werden die Futterflächen von Gehölzen, Zwergsträuchern und Unkräutern gesäubert, die sonst Überhand nehmen würden. Auch eventuelle sumpfige Stellen müssen gesichert werden, weil diese Infektionsgefahr für das Vieh bergen.
Der zweite wichtige Punkt ist die Tierbetreuung. Hier geht es nicht nur um die Versorgung und Pflege der Tiere, sondern beispielsweise auch darum, Unterstandmöglichkeiten und einen eventuellen Stall in Stand zu halten. Auch aktive Behirtung und Weidelenkung (Tiere zum richtigen Zeitpunkt auf die nächste, noch futterreiche Koppel bringen) gehören zu den typischen Aufgaben der Almbewirtschafter, genau wie die Errichtung und Instandhaltung von Wegen von und zur Alm.
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Zeitgemäße Almwirtschaft
Seit ein paar Jahren wird geraten, das Vieh – unabhängig ob es sich um Rinder, Schafe, Pferde oder Ziegen handelt – auf die Alm zu treiben, solange das Gras noch kurz ist. „Der optimale Zeitpunkt ist kurz nachdem der Schnee weg ist, sobald es das Gras zulässt“, empfiehlt Traxler. Wenn man zu lange warte, sei man im Prinzip die ganze Almsaison immer zu spät, was die effektive Beweidung betreffe: Verpasst man den richtigen Zeitpunkt, um die Weidetiere auf die nächste Futterfläche zu treiben, ist das Gras nicht mehr so nährstoffreich und schon am Verholzen.
Aufgrund des Kälteeinbruchs mit Schneefall bis unter 1.000 Meter Anfang Mai beginnt die Almsaison dieses Jahr später als geplant je nach Höhenlage frühestens Ende Mai bis Mitte Juni, abhängig von Witterung und Graswachstum. Die Dauer hängt ebenfalls von der Lage ab, sie muss jedoch mindestens 60 Tage betragen, damit die Alm für staatliche Förderungen in Frage kommt. Üblicherweise finden die Almabtriebe dann Anfang bis Ende September statt.
„Der optimale Zeitpunkt für den Almauftrieb ist kurz nachdem der Schnee weg ist, sobald es das Gras zulässt.“
Aktuelle Probleme
Um erfolgreiche und nachhaltige Almwirtschaft betreiben zu können, muss man über großes fachliches Wissen und Erfahrung verfügen, betont Lanzinger. „Man muss Almwirtschaft gelernt haben. Es gibt zwar Kurse für Quereinsteiger, die natürlich eine super Sache sind, aber die können die Erfahrung und das Lernen aus erster Hand nicht ersetzen.“ Gerade das sei eine große Schwierigkeit, weil es immer weniger Leute gebe, die mit der Almwirtschaft ausreichend vertraut sind – auch hier spürt man den Fachkräftemangel. Der Klimawandel stellt eine weitere, in Zukunft wohl noch größer werdende Herausforderung dar: Durch die wärmeren Temperaturen wandert der Wald schon jetzt in immer höhere Lagen und nimmt dadurch teils jahrhundertealte Weideflächen weg. „Man müsste gezielt Wald entfernen, um die Grünflächen zu erhalten, aber die meisten sehen sofort rot, wenn so etwas vorgeschlagen wird. Dabei würde gerade dadurch die Artenvielfalt gefördert werden“, erläutert Traxler. Hier müsse man eine Lösung finden, um nicht noch mehr Fläche zu verlieren.
Ursprünge der Almwirtschaft
Erste Spuren von almwirtschaftlicher Tätigkeit im Tiroler Landesgebiet reichen zurück bis in die Bronzezeit. Die heute bekannte Form der Almwirtschaft hat ihren Ursprung vermutlich im Hochmittelalter: Aufgrund des Bevölkerungswachstums drangen die Menschen in höhere Lagen vor und erste Gemeinschaftsalmen konnten entstehen. Schon im 14. Jahrhundert können wirtschaftliche Beziehungen zwischen im Tal gelegenen Heimhöfen und einzelnen Almen nachgewiesen werden.
Pflanzen als Indikatoren
Wiesen-Goldhafer, Wiesen-Schwingel, Rot-Schwingel, Rot-Straußgras, Wiesen-Kammgras, Alpen-Rispengras, Alpen-Lieschgras, Gold-Pippau, Rauer Löwenzahn, Alpen-Mutterwurz, Alpen-Wegerich, Rot-Klee, Weiß-Klee und Braun-Klee sind Zeichen für besonders wertvolle Almfutterflächen. Im Gegensatz dazu zeigen Farne, Disteln, Dorn-Hauhechel, Ginster und Holzpflanzen eine Unternutzung der Almweiden an.
Wem gehören Almen?
In etwa die Hälfte der rund 2.000 Almen in Tirol gehört Privatpersonen, die andere Hälfte ist im Besitz von Gemeinschaften. Das wird wohl auch in etwa so bleiben, meint Lanzinger: „Wenn jemand eine Einzelalm hat, ist die Bindung generell sehr hoch – niemand wird die aufgeben, wenn es nicht unbedingt sein muss.“ Quelle: Landwirtschaftskammer Österreich
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