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Im Stadel

Ernst Molden, 51, lebt als Liedermacher und Schriftsteller in Wien. Für seine Platten und Bücher wurde er mehrfach ausgezeichnet. Eben veröffentlichte er sein Buch „Das Nischenviech“ (Deuticke) sowie zusammen mit dem Frauenorchester sein neues Album „Dei Schwesda waand“ (bader molden recordings).

MAI 2019Text: Ernst Molden

Unlängst war ich im Mühlviertel, gar nicht weit von Linz entfernt. Dennoch verhielt es sich so, dass ich gleich nach der Abfahrt von der Mühlkreisautobahn in einem ganz märchenhaften Landstrich ankam, mit sanften Hügeln, blühenden Bäumen sowie meditativ weidenden Kühen, die Hörndln hatten, was ich mag. Das Wetter war umgeschlagen, die Eismänner rumpelten mit schweren Schritten über das frühlingshafte Land. An den Straßenrändern sah man zwei Sorten Plakate: riesenhafte, giftgrüne, die „Rock in Tracht!“ für das übernächste Wochenende ankündigten. Und die kleinen weißen, nach denen ich suchte.

Ich hatte eine Einladung zu einem Auftritt bei einem zweitägigen, noch jungen Folk- und Bluesfestival, das in einer weit verstreuten Ortschaft in einem Stadel stattfindet. Stadel heißt hier Troadkasten. Drum ist das Festival auch so benannt. Als ich den Hof, zu dem der Stadel gehört, erreichte, war ich ganz perplex, wie schön es hier war. Ein bisschen wie in den alten Astrid-Lindgren-Filmen, fast unwirklich. Die Wiesen dufteten, der Bauer, dem der klingende Stadel gehört, fuhr gelassen mit einem Traktor vorbei. Zwei Brüder empfingen mich, entschuldigten sich für das Wetter und drückten mir ein ebenso kaltes Bier in die Hand. Ich merkte: Es gefiel mir hier sehr gut.

Ernst Molden

Man hat natürlich noch keine Sicherheit, aber man schnuppert Morgenluft.

Nach gut zwanzig Jahren on the road hab ich das jetzt schon ein paar Mal erlebt. Wenn ein paar Idealisten auf dem Land das Naheliegende versuchen, nämlich die anmutige Landschaft mit ebenfalls anmutiger Kunst zu vermählen. Und Dörfern, in denen tendenziell immer weniger genuines Leben passiert, somit wieder einen Mittelpunkt und temporäre Strahlkraft zu verleihen. Wenn diese Festivals noch wenige Jahr jung sind, aber gerade begonnen haben, über den unmittelbaren Freundeskreis der Veranstalter hinaus zu wirken, haben sie einen besonderen Reiz, wie die halbbewusste Schönheit von Heranwachsenden. Die Macher wissen dann schon ungefähr, wie es gemacht gehört, haben ein paar Mal das herrliche Gefühl des guten Gelingens gehabt. Man hat natürlich noch keine Sicherheit, aber man schnuppert Morgenluft. In der Mühlviertler Ortschaft erzählte man mir, wie neuerdings auch mehr Einheimische zu den Konzerten kämen, direkt erstaunt, was für leiwande Musik hier spielte. Die Soundchecks waren vorbei. So hundert Menschen waren gekommen. Jede und jeder einzelne freute sich.

Manche der Festivals, die ich in dieser Frühphase kennengelernt habe, sind groß und weithin berühmt geworden. Im Waldviertel, im Ausseerland. Da fahre ich immer noch gern hin. Aber die gehören jetzt irgendwie allen. Alle reden darüber. Sie werden als Teil der lokalen kulturellen Identität hochgeschätzt und oft gefördert. Wir Musikanten sind froh, dass wir sie haben. Aber so ein junges Festival wie das im Stadel, das hat Magie, weil es die Frage, ob es groß und berühmt wird oder nicht, noch unbeantwortet und verschlossen in sich trägt wie eine kleine Nuss. Ich halte jedesmal sehr die Daumen. Für die Veranstalter, für die Menschen, deren Dorf hier beschenkt wird. Eh, und für mich auch.

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#Kolumne Ernst Molden#Kultur
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