Freiraum hoch droben
Almen gehören untrennbar zum Bild vom sommerlichen Tirol: mit einer urigen oder modernen Almhütte, mit weidenden Rindern, Ziegen und Schafen und jemandem, der oder die die Tiere versorgt, die Milchkühe melkt und nach getaner Arbeit in der Abendsonne vor der Hütte sitzt. Oft sind Partner und Kinder zumindest zeitweilig dabei.
Je nach Höhenlage, Viehbestand und Region unterscheiden sich die Almen in Tirol stark voneinander. Und auch die Menschen, die den Sommer mit den Tieren hoch droben dem Alltag im Tal oder einer Urlaubsreise in die Ferne vorziehen, leben ihr Almleben auf ganz unterschiedliche Weise. Konrad Hohlrieder aus Oberau, Barbara Seisl aus Niederau und Jakob Prantl aus Zwieselstein sind passionierte Almer, die vor vielen Jahren begonnen haben, ihren Sommer zum Almsommer zu machen. Ihre Porträts stehen hier stellvertretend für die zahlreichen Menschen, die das Bild vom Almsommer in Tirol mit Leben füllen.
© Konrad Hohlrieder
Konrad Hohlrieder, Gressensteinalm
Konrad Hohlrieder ist Alminger mit Leib und Seele, und das obwohl er den Beruf vor zwei Jahren an den Nagel hängen musste. Schon als Kind begleitete er den Vater auf die zum Familienhof gehörende Alm, nach der Lehre arbeitete er eine Zeitlang als Melker, wurde schließlich Skilehrer im Winter und Bergführer im Sommer – und tauschte das Bergführerdasein irgendwann wieder mit dem Almleben. Wer Konrad Hohlrieder zuhört, bekommt schnell einen Eindruck davon, warum er das nahezu einsame Leben auf der Gressensteinalm dem touristischen Trubel vorzog. 16 Sommer verbrachte er – meistens zusammen mit seiner Frau Christl – auf der Hochalm der Agrargemeinschaft Schönanger-Alm in der Wildschönau. 70 bis 75 Stück Jungvieh von 17 bis 18 Bauern weiden dort. Die Hütte liegt auf 1.800 Meter Seehöhe, abhängig von der Schneelage werden die Tiere stufenweise nach oben gebracht – bis zum höchsten Punkt der Alm auf 2.300 Metern. Ideal sei es, wenn dort im Frühling noch Schnee liege und es erst Anfang August grün werde, erzählt Hohlrieder, dann hat das Vieh immer etwas Frisches zum Fressen.
„Wenn du die Tiere magst und einen Umgang mit ihnen hast, dann sind sie nach einem Monat so weit, dass sie dir auf Schritt und Tritt nachgehen.“
Acht Kilometer Zaun
Die meiste Zeit sind die Kühe überall auf der Alm verstreut, sie versorgen sich weitgehend selbst. In den Stall heruntertreiben musste sie Hohlrieder nur, wenn starker Schneefall oder andere extreme Wetterereignisse zu erwarten waren. Viel zu tun gab es auf der Alm trotzdem, etwa regelmäßig schwenden – die Almflächen von Laub und Unkraut säubern –, Latschen hacken und Steine wegtragen. Zudem gibt es zahlreiche Felsen und Rinnen, die das Absturzrisiko erhöhen. Immer wieder nach den Tieren zu sehen, war daher die vorrangige Aufgabe des Almers. „Mancher nimmt es leichter, aber ich habe keine Ruhe gehabt, wenn ich nicht gewusst habe, wo sie umgehen“, sagt Hohlrieder und erzählt, wie er zur besseren Absicherung jeden Frühling acht Kilometer Zaun errichtete und im Herbst wieder abbaute. Für eine gleichmäßige Äsungsfläche wird am Ende des Sommers schließlich noch der Kuhmist weggeräumt, weil die Tiere „sonst zwei Jahre dort nicht mehr hingehen“.
Schöne Extreme
Die Gressensteinalm sei extrem, sagt Hohlrieder, „entweder nur schön oder nur grausig, Mitte gibt es da keine“. Er schildert Hochwetter, bei denen „die Blitze von unten nach oben sausen“, Wochen, in denen er mit den Tieren eingeschneit war, und die drückende Stimmung, wenn die Nebeldecke wochenlang nicht aufriss. Trotzdem ist für ihn das Leben dort droben „etwas vom Schönsten und Eindrucksvollsten. Wenn man mit der Natur und den Tieren lebt, merkt man, mit wie wenig man leben kann und wie zufrieden man ist“. Vor zwei Jahren übergab Hohlrieder wegen Knieproblemen die Alm an einen der Bauern aus der Agrargemeinschaft. Den hat inzwischen anscheinend ebenfalls das Almfieber gepackt. Ob es Hohlrieder abgeht, den ganzen Sommer oben zu sein? „Ja, sehr“, meint er, „ich komme zwar oft hin, weil ich dort Jagdaufseher bin, aber wenn man mit dem Vieh nichts mehr zu tun hat, ist das ganz anders.“
© Barbara Seisl
Barbara Seisl, Gemeinschaftsalm Wildschönau
Noch einmal die Wildschönau, doch eine andere Alm, eine andere Almerin. Barbara Seisl ist seit 2004, als den sechs Besitzern einer Gemeinschaftsalm überraschend „der Alminger abhanden gekommen ist“, jeden Sommer oben, versorgt dort Milchkühe, Mutterkühe, Kälber und Ziegen. Unter den 140 bis 160 Rindern – Fleckvieh, Grauvieh und andere Rassen – und 40 Ziegen ist auch das eigene Vieh, das sie vom Bauernhof in Niederau mitnimmt.
In den ersten und letzten Wochen des Sommers überschneidet sich ihre Arbeit auf der Alm mit ihrer Tätigkeit im Kindergarten, auch zum Mähen fährt sie ins Tal und ab und zu zum Einkaufen. Die übrige Zeit bleibt sie mit ihrem Sohn droben. In der Früh versorgt und melkt sie mit einem Helfer die Tiere, der nach dem Frühstück zur Arbeit auf dem Bau aufbricht. Sie selbst hält die Tränkplätze sauber, errichtet Zäune, liest Steine auf, räumt Gestrüpp weg.
„Ich gehe mit den Kühen im Frühjahr hinauf und schlafe bis zum letzten Tag oben.“
Luxus Waschmaschine
Anders als auf der Gressensteinalm bleiben die Tiere nicht den ganzen Sommer unter freiem Himmel, sondern sind in den heißesten Wochen tagsüber im Stall. Hitze, Bremsen und Fliegen würden den Tieren zu schaffen machen, sagt Barbara Seisl, also verbringen sie nur die Nacht draußen und kommen am Morgen zum Stall zurück. Ein weiterer Unterschied ist die Ausstattung: Im Haus bringt der „Luxus“ Waschmaschine, Geschirrspüler und im Stall die 2006 angeschaffte Rohrmelkanlage große Erleichterung. Bei jedem Melken fallen rund 400 Liter Milch an, die alle zwei Tage von der Tirol Milch abgeholt und weiterverarbeitet werden.
„So viel Milch als Weiberleut’ alleine tragen, das war schon anstrengend“, erinnert sich die Almerin, allein davon sei sie in den ersten beiden Wochen „total geschlaucht“ gewesen. Aber selbst in dieser Zeit war trotz aller Arbeit „ein Kaffee oder ein Ratscher“ zwischendurch schon möglich. „Die Uhren gehen anders auf der Alm“, sagt Barbara Seisl, „das ist wahrscheinlich das, was jeder Alminger sagt, wenn er es ein paar Jahre macht.“ Auf der Alm und mit den Tieren zu leben, sei fast eine Sucht, ein unbeschreibliches Gefühl. „Wenn es gesundheitlich machbar ist“, fügt sie hinzu, „dann werde ich das sicher noch lange machen, Almingerin zu sein ist kein Beruf, sondern eine Berufung.“
Jakob Prantl, Gampe Thaya
Der Ötztaler Jakob Prantl ist so etwas wie der Medienstar unter den Almern, ein eigenwilliger Kopf mitten im hochtouristischen Tal, ein Vorreiter der Regionalitätsbestrebungen heutiger Tage und – wie Konrad Hohlrieder und Barbara Seisl – durch und durch „seiner“ Alm, der Gampe Thaya, verbunden. Prantl schafft seit den 1980er-Jahren die Gratwanderung zwischen Tourismus an der Skipiste und funktionierender Almwirtschaft mühelos. Auf dem eigenen Hof in Zwieselstein und der gepachteten Alm hält er Tiroler Grauvieh, im Ötztal die traditionsreichste Rasse, produziert seinen eigenen Käse und verwendet das Fleisch – von zehn eigenen und drei bis vier zugekauften Rindern – für Suppen, Gröstl und Würste. 1.400 Kilo Sauerkraut stampfen die Prantls händisch ein, Kartoffeln, Eier und Mehl kommen von Tiroler Bauern. Die Gastwirtschaft, in der traditionelle Tiroler Gerichte serviert werden, betreibt er mit seinen beiden Töchtern, der Schwiegertochter und einigen langjährigen Mitarbeitern, um den Hof in Zwieselstein kümmert sich teilweise sein Sohn, auf einer weiteren (Gemeinschafts-)Alm im Timmelstal hüten zwei Hirten Jungvieh und Schafe.
„Mehr als mit einem Löffel essen kann ich nicht.“
Käserei mit Solarzellen
Im Sommer lebt Jakob Prantl mit seiner Frau Daniela auf der Alm und versorgt die Grauviehkühe, die an einem Melkstand gemolken werden und sich auch sonst immer im Freien aufhalten. Die Käserei ist in einem umgebauten Kühlcontainer untergebracht und mit Solarzellen versehen. Prantl hat sie nach seinen Vorstellungen einrichten lassen und, wie er sagt, absichtlich so klein dimensioniert, „dass ich nie in Versuchung komme, größer zu werden, sondern ein Ein-Mann-Betrieb bleibe“.
Auch wenn technische Neuerungen dabei helfen, muss die Arbeit auf der Alm, in der Käserei und am Bauernhof trotzdem von den verfügbaren Kräften bewältigt werden können. „Hinter dem, was wir machen in der Landwirtschaft und in der Gastronomie, braucht es ganz stark eine Familie. Etwas Besseres, als eine fleißige Frau zu haben und Kinder, die den Betrieb fortführen, kann einem, der das aufgebaut hat, gar nicht passieren.“
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