Auszeit auf Zeit
© Sebastian Höhn
Als Inbegriff einer weitgehend unberührten Naturlandschaft erfreuen sich Almen großer Beliebtheit. Vor allem im Sommer locken sie mit ihren weitläufigen Wiesenflächen, auf denen Weidetiere friedlich grasen, während im Hintergrund schroffe Felsen aufragen, gleichermaßen Touristen wie Einheimische an. Für viele stellen Almen schlichtweg einen idealen Rückzugsort dar, an dem man den Strapazen des Alltags entfliehen kann.
Auch Sarah Kofler und ihren Mann Janis Pönisch zieht es regelmäßig auf die Alm, im Gegensatz zu den meisten anderen allerdings nicht nur als Besucher, sondern als Hirten. Als solche verbringen sie bereits seit 2012 jedes Jahr zwei Monate auf knapp 2.000 Metern im Nationalpark Hohe Tauern. Die Hütte, die sie dort mit ihren zwei Kindern bewohnen, ist nur mit dem Allernötigsten ausgestattet – und bietet den beiden damit die perfekten Voraussetzungen, um sich ihren Wunsch nach einem einfacheren und naturverbundenen Leben zu erfüllen.
„Mich reizt die Herausforderung, mit den wenigen vorhandenen Mitteln so viel wie möglich zu schaffen.“
Von der Stadt auf die Alm
Eigentlich leben Kofler, eine gebürtige Tirolerin, und Pönisch in München, wo sie ihren jeweiligen Berufen nachgehen. Vor etwa sieben Jahren haben sie jedoch durch Zufall erfahren, dass der alte Hirte der Trelebitschalm nicht mehr weitermachen kann, und sich direkt als dessen Nachfolger beworben. „Es war schon lange ein Wunsch von mir, mal als Hirtin tätig zu sein, deswegen haben wir die Gelegenheit gleich ergriffen“, erklärt Kofler. „Die Alm selbst kannte ich bereits seit meiner Kindheit. Sie war immer schon ein Platz, der mich magisch angezogen hat.“ Nun kümmern sich Kofler und ihre Familie ebendort einmal im Jahr als Hirten um rund 40 Kühe.
Während seine Frau bereits einige Erfahrung im Umgang mit dem Weidevieh hatte – Kofler ist, nicht weit von der Alm entfernt, auf einem Bergbauernhof aufgewachsen –, musste sich Pönisch erst an die Arbeit mit den Rindern gewöhnen. „Es dauerte eine Weile, bis ich sie richtig kennengelernt habe“, berichtet Pönisch. „Letztendlich hat sich aber alles ganz intuitiv ergeben. Mittlerweile weiß ich um die Besonderheiten der Tiere und auch gut mit ihnen umzugehen.“
© Sebastian Höhn
Größerer Aufwand
Das Hüten des Viehs macht allerdings nur einen Teil der erforderlichen Arbeiten auf der Alm aus. Vor allem vermeintlich alltägliche Aufgaben gestalten sich aufgrund der fast spartanischen Ausstattung der Hütte – es gibt darin weder Strom noch fließend Wasser – mitunter enorm aufwändig. „Auf der Alm braucht man für alles etwas länger“, erklärt Kofler. „Zum Kochen beispielsweise sind viel mehr Schritte nötig als im Tal. Das beginnt schon beim Wasser, das erst vom Trog geholt und dann auf dem Ofen erhitzt werden muss.“
Für die Hirtin stelle der Mehraufwand jedoch keinerlei Problem dar, im Gegenteil: Durch die ungewohnten Mühen erhalte nämlich selbst etwas so Banales wie das Waschen von Kleidungsstücken etwas geradezu Liebenswertes. „Auf der Alm zelebriere ich alles, was ich tue. Außerdem reizt mich die Herausforderung, mit den wenigen vorhandenen Mitteln so viel wie möglich zu schaffen. Das gehört für mich einfach zum Leben dort dazu“, meint Kofler.
Sich zuhause fühlen
Dieser praktischen Auffassung ist es wohl auch zu verdanken, dass sich die Familie jedes Jahr aufs Neue recht schnell und ohne größere Schwierigkeiten an die Gegebenheiten auf über 2.000 Metern anpasst. Die Rückkehr nach München sei dagegen weitaus heikler, wie Pönisch erläutert: „In die Stadt zurückzukommen ist immer unangenehm – mit all dem Lärm, den Abgasen und den überflüssigen Dingen, die eigentlich kein Mensch braucht. Bis ich mich wieder daran gewöhnt habe, vergehen meist einige Wochen.“ Er vermisse dann insbesondere die Ruhe und die Abgeschiedenheit, die Ursprünglichkeit und die Naturverbundenheit, die ihre Aufenthalte auf der Alm auszeichneten.
Auch Kofler fällt die Heimkehr in die Stadt jedes Mal schwer, womöglich sogar noch schwerer als für ihren Mann. Für sie ist die Trelebitschalm samt umliegender Natur nämlich seit ihrer Kindheit eine Art Sehnsuchtsort, der eine spezielle Bedeutung für sie hat: „Ich bin in dieser Gegend aufgewachsen“, erklärt sie. „Wenn ich diese Landschaft sehe, mit ihrem Gegensatz zwischen lieblich und karg, dann bekomme ich ein ganz besonderes Gefühl. Ich fühle mich einfach zuhause.“
Arbeit auf der Alm
Je nach Bewirtschaftungsform nehmen sich die Tätigkeitsbereiche auf einer Alm äußerst vielfältig aus. Für jene, die sich als Quereinsteiger auf einer Alm versuchen möchten, werden mittlerweile vermehrt verschiedene Basiskurse angeboten: Am Ländlichen Fortbildungsinstitut Tirol (LFI) wurde beispielsweise dieses Jahr der Zertifikatslehrgang Almpersonal wieder aufgenommen, darüber hinaus gibt es auch einen Onlinekurs zu den Grundlagen erfolgreicher Almbewirtschaftung.
Mehr Informationen unter: tirol.lfi.at
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