Die Stadt als Maßstab
Die Welt verstädtert zunehmend. 53 Prozent der Menschen leben weltweit in Städten, in Europa sind es je nach Definition von „Stadt“ zwischen 72 und 78 Prozent, in Belgien 97,9, in Deutschland 75,5, in Österreich immerhin noch 66 Prozent. Zudem haben sich die Grenzen zwischen „städtischen“ und „ländlichen“ Lebensweisen vor allem in den hochentwickelten Staaten mit der Zeit verwischt. „Aus einem Stadt-Land-Gegensatz ist ein in vielfältiger Weise verflochtenes Stadt-Land-Kontinuum geworden“, schreibt Jürgen Bär vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung – ein Gedanke, den beispielsweise Bewohner des Inntals gut nachvollziehen können.
Bei so viel städtischer oder quasistädtischer Bevölkerung liegt es auf der Hand, dass auch an den bevorzugten Reisezielen vor allem Städter Erholung suchen oder etwas Ungewöhnliches, besonders Reizvolles erleben möchten – keine neue Entwicklung, sondern eine, an die sich die Tiroler Urlaubsdestinationen bereits angepasst haben und weiter anpassen müssen. Aber welche Gewohnheiten und Bedürfnisse haben urbane Gäste, auf die besondere Rücksicht zu nehmen ist?
Grundlegendes …
An der Oberfläche gebe es viele Kleinigkeiten, die „Touchpoints“ zwischen Tourismusanbietern und Touristen, „die stimmen müssen“, erklärt Zukunftsforscher Andreas Reiter vom Zukunftsbüro. Smarte bzw. digitale Technologien gehören inzwischen zu den Basics. Reisende mit einem städtischen Hintergrund erwarten, dass auch am Urlaubsort und auf dem Weg dorthin eine schnelle WLAN-Verbindung zur Verfügung steht oder dass sie ihre elektronischen Geräte überall in der Öffentlichkeit aufladen können.
„Menschen in Städten bauen eine sehr hohe Erwartungshaltung an ökologische Exzellenz auf. Darum hat man sich in vielen Bergregionen zu wenig gekümmert.“
Ein weiterer Bereich betrifft ökologische Aspekte. „Interessanterweise sind Städte ökologische Vorreiter“, sagt Reiter. Menschen in Städten würden eine sehr hohe Erwartungshaltung an ökologische Exzellenz aufbauen – ein Bereich, um den man sich in Tirol und anderen Bergregionen zu lange zu wenig gekümmert habe.
Mit den urbanen Ansprüchen eines ökologisch bewussten Verhaltens geht ein verändertes Mobilitätsverhalten einher. Der Umstieg aufs Fahrrad und die Nutzung von Car Sharing in Kombination mit öffentlichen Verkehrsmitteln sind in Städten, wo Autofahren oft mehr Zeitverlust als -ersparnis bedeutet, gang und gäbe. Öffentliche Angebote nähmen jedoch vor allem Junge und Ältere an, erzählt Franz Sailer, Geschäftsführer der Ötztaler Verkehrsgesellschaft, während Menschen mittleren Alters noch zögerten.
… und Außergewöhnliches
Unter dieser Oberfläche geht es, so Andreas Reiter, aber um Inhalte. Mit der Urbanisierung boomt einerseits der Städtetourismus. Neue Architektur, die Rückbesinnung gewachsener Städte auf ihre kulturellen Stärken oder die Möglichkeit für Touristen, am Leben der Einheimischen teilzuhaben, erweisen sich hier als zugkräftig. Zum gewohnten Lifestyle vor allem junger Städter gehört zudem das „Blending“, die Vermischung von Arbeit und Freizeit, die sie auch im Urlaub nicht aufgeben wollen.
Andererseits suchen Städter bewusst oft das scheinbar oder tatsächlich kontrastierende (Natur-)Erlebnis – mit allen individuellen Schattierungen dazwischen. Hier reicht die Bandbreite vom Gipfelsieg ohne Anstrengung mittels Aufstiegshilfe bis hin zum Wunsch, statt der gezähmten die echte, „wilde“ Natur zu erleben. Das Bild vom Landurlaub offline, von der erholsamen Auszeit vom städtischen Alltag, fällt ebenfalls in diesen Bereich. Und schließlich können auch Regionen punkten, die durch außergewöhnliche Kreativität oder Authentizität auffallen. Beispiele dafür sind der Bregenzer Wald mit seiner stimmigen Architektur, Kulinarik und Handwerkskunst oder das wiederbelebte Bad Gastein, die ein designaffines, kulturell gebildetes Publikum ansprechen.
Urbanität – und weiter?
Hier zeigt sich die Verflechtung mit einem anderen Megatrend, jenem der Individualisierung. Nicht jeder Stadtbewohner hat die gleichen Urlaubsbedürfnisse, nicht jede Urlaubsdestination kann alle Wünsche und Sehnsüchte erfüllen. Dazu trete jedoch noch ein anderer Aspekt, meint Andreas Reiter. „Wir haben schon jetzt einen hohen Prozentsatz an urbanem Publikum.“ Die zentrale Frage für die Zukunft betreffe also weniger die schon längst gegebene Urbanität, sondern eine andere Entwicklung: „Will man ein internationaleres Publikum und hat man dafür – etwa im interkulturellen Management – überhaupt die Kapazitäten?“
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