Eine neue Vision im Alpentourismus
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In seiner mittlerweile legendären Erler-Rede zum 125-Jahr-Jubiläum der Tirol Werbung meinteTirols Schauspielikone Tobias Moretti, dass die Tourismuswirtschaft immer noch dem Dogma grenzenlosen Wachstums huldige. Hat sich das angesichts der Nachhaltigkeitsdebatten und des Wertewandels verändert? Harald Pechlaner: Wir sind immer noch in dieser Spirale. Ich glaube allerdings, dass wir in eine Phase der Transformation eingetreten sind. Die Debatten und Diskussionen deuten an, dass wir uns nicht mehr in einem klassischen Korridor des Wachstums befinden und gerade eine neue Vision für einen zukunftsfähigen Tourismus entsteht.
Hat das auch damit zu tun, dass sich die Wertehaltung der jungen Menschen geändert hat? Es sind jedenfalls mehrere Faktoren. Die Krisen, die auf globaler Ebene auf uns einwirken, spüren wir auf regionaler Ebene enorm. Etwa die Gesundheitskrise wie die Pandemie, aber auch die Wirtschafts- und Finanzkrise, die wir schon 2008/09 erlebt haben. Dann gibt es andere Verwerfungen, die wir anfangs nicht so schnell wahrgenommen haben, wie die demografische Krise – Stichwort Fachkräftemangel. Zudem haben wir eine Wertekrise. Das betrifft insbesondere die junge Generation, die mit anderen Überlegungen in die Zukunft blickt, wie es die Elterngeneration getan hat. Alt und Jung spüren, dass sich auch das Reisen verändert und mit einer neuen Vorstellung von Lebensqualität möglicherweise das eine oder andere passiert, das nicht wirklich zukunftsfähig ist.
Über die Zukunft des Alpentourismus gibt es hitzige Debatten. Ich bin überzeugt, dass der alpine Tourismus eine Zukunft hat. Ich bin aber auch überzeugt, dass sich der alpine Tourismus anpassen muss. Das hat vor allem mit der Tourismusintensität zu tun, die wir im Alpenraum erleben. Wir sind nun mal eine schöne Ecke in Europa und wir sind deshalb auch begehrt. Wir spüren, dass sich da die Dinge auch ändern müssen, wenn etwa die Lebenswelt der einheimischen Bevölkerung in touristisch attraktiven Regionen immer teurer wird. Ein weiterer Hinweis ist sicherlich auch die Mobilitätsfrage. Die großen Verbindungen zwischen Nord und Süd laufen durch den Alpenraum. Das zehrt auch an der Akzeptanz gegenüber dem Tourismus. Es sind einfach immer weniger Menschen, die unmittelbar vom Tourismus leben. Und das hat auch etwas mit Akzeptanz oder mit dem Wegbrechen von Akzeptanz zu tun.
Gibt es in Bezug auf Akzeptanz positive Ansätze? In Südtirol – wie auch in anderen Alpenregionen – versucht man, das quantitative Wachstum zu verlangsamen. Dazu gibt es jetzt auch Gesetze, Regelungen, die durchaus in das quantitative Wachstum einschneidend einwirken. Ein anderer Versuch sind Besucherlenkungssysteme, bei denen wir erst am Anfang stehen. Das Dritte sind Einschränkungen im Mobilitätsbereich. Hier hat nicht zuletzt auch Tirol versucht, im Rahmen der „Korridorisierung“ die Gäste auf Kurs bzw. auf der Autobahn zu halten. Die Krise, die ich bisher noch nicht genannt habe, ist die Klimakrise. Sie zwingt uns, gerade im Bereich der Mobilität nach neuen Lösungen zu suchen. Hier brauchen wir große Lösungen, die nur grenzüberschreitend erfolgen können.
Wie können Lösungen konkret aussehen? Ich sehe etwa technologische Entwicklungen mit alternativen Antrieben oder den Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Aber ich bin auch Realist. Gerade im ländlichen Raum wird es nicht gelingen, die große Masse an Menschen mit dem öffentlichen Personennahverkehr von den zentralen Knotenpunkten verteilen zu können. Ich sehe uns daher auch in eine Phase eines normativen Tourismus eintreten, denn es wird zunehmend Verbote und Gebote geben. Letzthin hat man etwa in Portofino weitreichende Maßnahmen gesetzt. Die Leute werden zunehmend in Korridore gelenkt und angehalten, sich nach bestimmten Mustern zu verhalten. Das heißt, es wird nicht mehr jedem möglich sein, wann auch immer man möchte, einen Ort zu besuchen.
„Die Debatten und Diskussionen deuten an, dass wir uns nicht mehr in einem klassischen Korridor des Wachstums befinden und gerade eine neue Vision für einen zukunftsfähigen Tourismus entsteht.“
Mit Blickrichtung Zukunft und vor dem Hintergrund des Klimawandels, wie wird sich das alpine Angebot im Sommer wie im Winter verändern? Ich bin der Ansicht, dass es Wintertourismus weiterhin geben wird. Dieser wird sich aber räumlich verlagern. Wenn wir jetzt den klassischen Wintersport betrachten, denke ich, dass es zu einer Verbreiterung und Diversifizierung des Angebots kommen wird. Das wird bestehende Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten belasten, weil es relativ einfach war zu sagen: „Hier haben wir Aufstiegsanlagen und jetzt braucht es noch Beherbergungsunternehmen oder umgekehrt.“ Die Geschäftsmodelle werden schwieriger werden, die Angebote vielfältiger. Das bedeutet, dass ich mir künftig sehr gut überlegen muss, welches Produkt in Zukunft noch welche Wertschöpfung bringen kann.
Ist das Werben um Arbeitskräfte mittlerweile vielleicht wichtiger als das Werben um Gäste? Ja, das könnte man durchaus sagen. Ich glaube allerdings, dass wir es uns im Tourismus zu einfach machen. Einfach nur zu sagen, wir haben jetzt einen dramatischen Arbeitskräftemangel, ist zu wenig. Das zentrale Narrativ im Alpenraum und damit auch in Tirol heißt bis heute: Der Tourismus hat Wohlstand ins Land gebracht. Nur, diese Erzählung findet bei jungen Menschen keinen Anklang mehr. Es bringt heute keinen Menschen mehr dazu, sich für die Idee zu begeistern, dass man in einem People Business, wie es der Tourismus ist, auch unglaublich schöne Arbeitserfahrungen machen kann. Es ist uns nicht gelungen, den jungen Menschen über neue Erzählungen die Zukunft des Tourismus und die Sinnhaftigkeit von Tourismus zu erklären.
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Wie schaffen wir es dann, die Begeisterung wieder zu steigern, die Tourismusgesinnung zu heben? Ich glaube, dass der Tourismus seine Grenzen erreicht hat und dass das größte Problem des Alpenraums tatsächlich die Tourismusgesinnung und die Akzeptanz darstellen, die uns wegzubrechen drohen. Deswegen ist es notwendig, das Ganze mit Fragen der Lebenswelten der Einheimischen stärker zu verknüpfen. Das sind Fragen, die betreffen, ganz simpel gesagt, die Grundbedürfnisse der Bevölkerung, beispielsweise den Wohnraum. Wir müssen erkennen, dass der Tourismus eigentlich vor allem auch eine Sozialpolitik erfordert. Zugespitzt könnte man sagen: Wer Tourismuspolitik macht, muss eigentlich auch Sozialpolitik machen und nicht nur Wirtschaftspolitik.
Blickt man in die Tourismusgeschichte, so war diese geprägt von Pionier:innen der Erschließung bzw. der Infrastruktur. Welche Pionier:innen braucht es in der gegenwärtigen Phase? Ich glaube, wir sind uns alle einig. Die Pionier:innen waren die Menschen, die die Unternehmen aufgebaut haben und tatsächlich Wohlstand in die Täler und Regionen gebracht haben. Jetzt hat sich die Welt aber verändert, und die Pionier:innen, die wir heute brauchen, sind sicherlich jene der Vernetzung. Gemeint sind aber nicht Pionier:innen der Vernetzung, die mit Lobbyismus Interessen gegenüber einer Bevölkerung durchsetzen, die mit dem Tourismus nicht viel am Hut hat. Vielmehr braucht es Pionier:innen der Vernetzung zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, völlig egal, ob sie mit dem Tourismus zu tun haben oder nicht. Das Thema „Nachhaltigkeit“ umfassender zu verstehen, wäre auch eine Pionierleistung, die vor allem auf unternehmerischer Ebene gefragt sein wird. Wir sehen in vielen Regionen im Alpenraum sehr gute Beispiele, wie einzelne Unternehmer:innen das Thema in die Hand nehmen und ein gesamthaftes Angebot schaffen, für das die Menschen im Übrigen auch bereit sind, mehr zu zahlen.
Vielen Dank für das Gespräch.
„Wer Tourismuspolitik macht, muss eigentlich auch Sozialpolitik machen und nicht nur Wirtschaftspolitik.“
Zur Person
Harald Pechlaner hat an der Universität Innsbruck im Bereich Wirtschaftswissenschaften mit Schwerpunkt Tourismus habilitiert, er ist Professor für Tourismus an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt sowie Leiter des Center for Advanced Studies von EURAC Research in Bozen. Derzeit ist er auch wissenschaftlicher Leiter am Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes in Berlin.
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