Faszination Freeride
Für die einen grenzt es an Wahnsinn, für die anderen bedeutet es Freiheit pur. Der Hangerer in Obergurgl/Hochgurgl ist mit seinen bis zu 70 Grad steilen Hängen und den schroffen Felsvorsprüngen ein Sehnsuchtsort vieler Freerider. Allein die besten schaffen es, ihren Traum wahrzumachen und ihn zu befahren. Dafür wird das Face, das Antlitz des Berges, genau studiert – Pisten gibt’s hier nämlich keine. Nur wer um die Beschaffenheit jedes Teilstücks weiß, jede Furche und jeden Felsen kennt, kann seine Line finden und sich an die Abfahrt wagen. Am 7. April ist es wieder so weit und die besten Rider aus aller Welt zeigen ihr Können im Ötztaler Backcountry und sammeln dabei Punkte für die Freeride World Tour (FWT).
© open-faces.com/Mia Knoll
Sicher ist sicher
Sicherheit hat bei den Events höchste Priorität.
Spezialisten verfolgen die Situation am Berg den ganzen Winter über, Lawinensprengungen werden schon Monate vor dem Bewerb durchgeführt. Nach genauen Inspektionen und Messungen kurz vor dem Contest wird entschieden, ob das Face freigegeben wird. Dann erhalten die Rider alle wichtigen Informationen über Gefahrenstellen am Berg und suchen sich ihre Line aus. Ohne Lawinenverschüttetensuchgerät, Sonde, Schaufel, Helm und Rückenprotektor darf niemand bei den Open Faces starten.
Open Faces
Vor sechs Jahren kam Markus Löffler und einigen Freunden die Idee, sogenannte Qualifier-Events für die Freeride-Weltmeisterschaften zu veranstalten, „weil der Bedarf einfach riesengroß war“. Schon bald war klar, dass sie nicht nur – wie zunächst angedacht – 1-Stern-Einsteigerbewerbe organisieren, sondern alle Zielgruppen bedienen würden. 4-Sterne-Runs sind aufgrund ihrer anspruchsvollen Faces etwa nur den Profiridern vorbehalten. Zum sechsten Mal in Folge werden die Open Faces heuer mit insgesamt fünf Tourstopps in Tirol, Salzburg und Vorarlberg veranstaltet. Zudem finden im März unter dem Dach der Open Faces erstmals die Juniorenweltmeisterschaften in Kappl statt.
Die Bewertungskriterien für die Rider sind von der Freeride World Tour vorgegeben und umfassen nicht nur Linienwahl und flüssiges Fahren, sondern auch Technik und Air & Style. In den letzten Jahren wurde das Bewertungs-System („Judging“) sensibilisiert, um zu unterbinden, dass sich Freerider immer größeren Gefahren aussetzen. „Sehr hohes Risiko wird nicht honoriert. Wer nach einem Sprung unsicher landet, wird schlecht bewertet“, erklärt Markus Löffler.
„Wir wollen, dass auch jemand, der von der Materie keine Ahnung hat, versteht, was passiert.“
Kooperationen
Die Open Faces werden jeweils in Zusammenarbeit mit einem Skigebiet und dem Tourismusverband organisiert. „Wir verkaufen nicht den Event an sich, sondern eine Marketingidee und Plattform“, erklärt Löffler, der selbst leidenschaftlicher Freerider ist und eine kleine Skischule in Weerberg betreibt. Gemeinsam mit dem Skigebiet wird ein passendes Konzept für den Event entwickelt: „Alpbach ist zum Beispiel ein Familienskigebiet und will vor allem Einsteiger ansprechen“, veranschaulicht Markus Löffler. So gab es im Alpbachtal heuer neben dem 1-Stern-Bewerb auch einen Juniorenbewerb, um dem Nachwuchs die Möglichkeit zu geben, erste Erfahrungen im Contestgeschehen zu sammeln.
Obergurgl/Hochgurgl
Open Faces Freeride World Qualifier
6./7. April 2018
4*-Kategorie
Profis aus aller Welt ziehen am Mythos Hangerer ihre Lines.Für die Zuschauer gibt es eine Arena auf der Hohe Mut Alm und Rahmenprogramm im Dorf.
Highlight Fieberbrunn
Die Freeride World Tour macht auch heuer Station in Tirol: von 9.-15. März in Fieberbrunn.
Junioren-WM
Kappl im Paznauntal
21. bis 23. März 2018
Freeride Junior World Championships
60 Teilnehmer aus 16 Nationen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren kämpfen um den Weltmeistertitel. Das Spektakel lässt sich am besten von der Tiroler Hütte aus verfolgen.
Ein Event für alle
Den Organisatoren der Open Faces ist es wichtig, nicht nur Events für die Insider der Freeride-Szene zu organisieren. „Wir wollen, dass auch jemand, der von der Materie keine Ahnung hat, versteht, was passiert“, erklärt Markus Löffler. Um Information, Entertainment und Spaß zu verbinden, wird direkt am Berg eine Public Area aufgebaut, von wo aus die Zuschauer die Runs live auf der LED-Wand verfolgen können. Ein Moderator gibt zusätzliche Infos und erklärt, was gerade passiert. Via Live-Stream können Zuschauer aus aller Welt das Geschehen über das Internet verfolgen.
Auch Videoproduktionen über den eigentlichen Bewerb hinaus werden zunehmend fokussiert. Ein alter Wohnwagen dient als mobiles TV-Studio, und darin werden Zusatzclips, etwa Interviews mit Sicherheitsexperten, Ridern oder anderen Beteiligten gedreht. Markus Löffler sieht in den Produktionen auch einen gewissen Werbeeffekt für Tirol: „Wenn wir uns hier als Destination gut präsentieren, haben wir über Social Media einen unglaublichen Verteiler. Die Sportler haben oft eine riesige Community.“
Freerider in Tirol
Die Tiroler Skigebiete haben die Freeride-Szene als Zielgruppe bereits entdeckt. „Einige Destinationen haben sich extrem spezialisiert und sind damit erfolgreich“, weiß Markus Löffler und nennt Beispiele wie Fieberbrunn, Hochfügen oder den Stubaier Gletscher. Nachholbedarf sieht er hingegen bei Hotels und Pensionen. Gerade letztere könnten in den Freeridern eine dankbare Zielgruppe finden. „Viele Freerider kommen mit wenig Geld und würden sich über spezielle Angebote in kleinen Pensionen freuen. Die meisten brauchen keinen Luxus, sondern nur ein gemütliches Umfeld, wo sie mit ein paar Freunden zusammensitzen können“, so Löffler.
Inwieweit die Open Faces zum allgemeinen Erstarken der Freeride-Szene in Tirol beitragen, ist schwer abzuschätzen. Fakt ist aber, dass am 7. April wieder Augenpaare aus aller Welt auf die Rider am Hangerer gerichtet sein werden, wenn es heißt: three, two, one – drop in!
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