Gute Verteilung
© Target Group / Platzer
Golfen und Skifahren am selben Tag, attraktive kulinarische Angebote für Kongresstourist:innen, eine gute und vor allem durchgängig verfügbare Infrastruktur – mit einer breit gefächerten Auswahl an Gestaltungsmöglichkeiten im Urlaub gelingt es Regionen, das ganze Jahr über unterschiedliche Gästegruppen anzusprechen. In Kitzbühel setzt man seit je auf thematische Schwerpunkte, betont Viktoria Veider-Walser, Geschäftsführerin von Kitzbühel Tourismus, und nennt als Beispiel die „Winter Classics“, ein umfassendes Wintererlebnis also, das Skifahren ebenso umfasst wie Langlaufen, Winterwandern, Schneeschuhwandern, Rodeln und Skitourengehen auf Pisten. Mit der Strategieentwicklung „Kitzbühel 365“ richtete sich die Region 2016 gezielt auf Ganzjahrestourismus aus, doch schon zuvor gab es Bemühungen, speziell in den Monaten Mai, Juni, Oktober und November die Auslastung zu erhöhen.
Nahtlose Übergänge
Die Grundlage dafür schaffte eine von der Gastronomin
und ehemaligen TVB-Präsidentin Signe Reisch
initiierte Arge, in der sich Leistungsträger:innen aus
Hotellerie und Gastronomie, Kitzbühel Tourismus und
Bergbahn AG gemeinsam dafür einsetzen, die Auslastung in
den Randzeiten zu steigern“, sagt Veider-Walser. „Davon
ausgehend haben wir darauf geachtet, über den
Jahreskreis alle Themen zu spielen, die für den Gast
attraktiv sind und bei denen wir ein hochwertiges
Angebot bieten können.“ So gelang es, nahtlose Übergänge
zu schaffen und Leerläufe – sei das in der Gastro, in
der Kulinarik, im Sport und in der Infrastruktur – zu
vermeiden. Bis 2020 transportierten die Bergbahnen
(fast) täglich Gäste auf den Berg und ins Tal, die
Beherbergungsbetriebe mit insgesamt mehr als 2.000
Betten empfingen das ganze Jahr über Gäste. „Die
Coronapandemie hat uns leider einen Dämpfer versetzt“,
schränkt Veider-Walser ein, „aber wir sind dabei, uns
wieder dorthin zu arbeiten.“
© Kitzbühel Tourismus
Urlaub, Lifestyle, B2B
Die Tourismusregion setzt dabei auf die „Summe des Erlebnisses vor Ort“, mehrere Komponenten müssen zusammenspielen. In Kitzbühel ist mit dem sportlichen Angebot auch ein bestimmter Lifestyle verknüpft, Gäste genießen es etwa, nach einem Tag beim Sport am Abend gut essen zu gehen oder ins Nachtleben einzutauchen. In den Randzeiten werden mit Executive Meetings und Veranstaltungen vermehrt B2B-Gäste angesprochen. Auch für sie ist es wichtig, dass die Infrastruktur zugänglich ist, dass Gastronomie- und Hotelbetriebe geöffnet haben.
„Viele Gäste schätzen es, die Region in den Randzeiten exklusiver zu erleben als in den Hochsaisonen.“
Zwei lange Saisonen
Auf gute Infrastruktur und ein breites Angebot über zwei lange Saisonen hinweg setzt auch die angrenzende Tourismusregion Wilder Kaiser. „Wir haben Zeiten definiert, in denen wir mehr Gäste ansprechen wollen, und Zeiten – die Hochsaisonen –, in denen wir die Wertschöpfung über den Preis steigern“, erläutert TVB-Geschäftsführer Lukas Krösslhuber das Konzept. „Im April und November sollen, abgesehen von einem Minimalangebot, Mensch und Natur in der Region aber ihre Ruhe haben können.“ Anstatt für die maximale Wertschöpfung in den Hochsaisonen die Zahl der Betten nach oben zu treiben, wird die Nachfrage in den Zeiten gesteigert, in denen das bestehende Angebot nicht voll ausgelastet ist. Vor diesem Hintergrund achtet der TVB Wilder Kaiser „in allen Maßnahmen – beim Angebot, beim Vermietercoaching und beim Marketing – darauf, dass sie in dieses Ziel einzahlen“.
Topografie und Infrastruktur
Für eine Verlängerung der Saisonen hat die Region Wilder Kaiser „gute topografische Voraussetzungen“, meint Krösslhuber. Der Frühling hält früher Einzug als in hochgelegenen Tourismusgebieten und ein goldener Herbst bis Allerheiligen ist keine Seltenheit. Um in diesen Zeiten Gäste für die Region zu begeistern, müssen Hotellerie, Gastronomie, Mobilität und Aktivprogramme möglichst gut zusammenspielen. Da viele Betriebe in der Region so strukturiert sind, dass die Unternehmer:innen bei durchgehenden Öffnungszeiten keinen Tag frei haben, ist die Kreativität der Touristiker:innen gefordert. „Wir zeigen Möglichkeiten auf, wie ein Betrieb auch dann funktioniert, wenn sie selbst ein paar Tage nicht erreichbar sind.“ Früher zu öffnen und zwischendurch zwei Wochen zu schließen oder gegengleich mit anderen Betrieben die Saison nach vorne oder hinten zu verlängern, kann die Auslastung erhöhen und hat für die Region insgesamt einen positiven Effekt.
Gemeinsam mit den Bergbahnen wurden Aktionswochen wie die Superskiwochen im März und die Familienherbstwochen im Oktober ins Leben gerufen. Ein hybrides Programm für den März, bei dem Winter- und Sommersportarten im selben Urlaub möglich sind, ist derzeit in Ausarbeitung. Zugkräftige Veranstaltungen wie der Bergdoktorfantag, der sukzessive nach vorne verlegt wurde und nun bereits Mitte Mai stattfindet, sind weitere Nächtigungsbringer.
„Wir spielen über den Jahreskreis alle Themen, die für den Gast attraktiv sind und bei denen wir ein hochwertiges Angebot bieten können.“
Exklusivität statt Masse
Gäste, die in diesen Monaten anreisen, schätzen es, die Urlaubsorte am Wilden Kaiser „exklusiver zu erleben als in den Hochsaisonen“, sagt Krösslhuber. „Vor allem auch jene, die die Region schon kennen, können wir für die Nebensaisonen begeistern.“ Mit Werbung für den Herbsturlaub spricht man deshalb in den Sommermonaten ganz gezielt jene an, die bereits vor Ort sind.
Dass sich das touristische Aufkommen stärker übers Jahr verteilt, kommt am Wilden Kaiser nicht nur den Gästen zugute, sondern auch den Betrieben und ihren Mitarbeiter:innen.
Arbeit und Wertschöpfung werden gleichmäßiger verteilt, ohne die belastenden Extreme nach oben oder unten. Es stehen mehr Ganzjahresarbeitsplätze zur Verfügung und zugleich wird sozialer Druck aus dem System genommen.
Den Lebensraum gestalten
Ähnliches stellt Viktoria Veider-Walser in Kitzbühel fest. „Es geht nicht darum, dass jeder Betrieb 365 Tage im Jahr geöffnet hat – das ist für viele verständlicherweise abschreckend“, meint die TVB-Direktorin. Stattdessen setzt man auf Austausch, indem sich etwa Betriebe mit den Schließzeiten aufeinander abstimmen können. Wenn jede:r einen Teil beiträgt, kann die Region mit einem guten, abwechslungsreichen Basisangebot „das ganze Jahr über attraktiv gehalten“ werden.
„Am Ende gestalten wir unseren Lebensraum“, meint Veider-Walser. „Der ist ja nicht nur für unsere Gäste da, sondern für die Menschen, die hier leben und arbeiten. Wenn dieses Umfeld attraktiv ist, dann bindet es einen auch an die Region.“
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