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Der Zukunftsgestalter

Andreas Wieser hat immer schon größer, weiter und vor allem anders gedacht. Altes Wissen zusammenzutragen, neu zu kombinieren und stimmige Teile zu einem gleichermaßen ganzheitlichen wie innovativen neuen Ansatz zusammenzufügen, ist eine seiner Stärken, wie er schon mit der Entwicklung des Medical Resorts Lanserhof bewiesen hat. Für Tirol sieht er im SAISON-Gespräch Chancen, ganzjährig funktionierende Angebote zu entwickeln.

DEZEMBER 2023Text: Stefan Kröll und Florian Neuner
Andreas Wieser

© Privat

Die beste Art, die Zukunft vorherzusagen, ist, sie zu erfinden. Kein Satz könnte der Person Andreas Wieser gerechter werden. Bereits in den 1980er-Jahren antizipierte er ein Bedürfnis insbesondere bei erfolgreichen wie gestressten Menschen und schuf eine moderne Lifestyle-Medizin, die als touristisches Konzept unter der Marke „Lanserhof“ sehr bald fliegen sollte. Das ganzheitliche System der gesundheitsbewussten Regeneration, die Kombination von Schulmedizin mit fernöstlichen Heilmethoden und die behutsame Berücksichtigung von psychosozialen Aspekten und innovativen therapeutischen Elementen war einzigartig. Das neue Angebot fand schnell eine rasant wachsende Fangemeinde, weil es neu entstandene Sehnsüchte perfekt stillte.

Wenn Unternehmen ihre Kund:innen nicht verstehen
Mindsets und Kundenbedürfnisse würden auch heute vielfach nicht angesprochen, ist Wieser überzeugt. „Ich wage zu behaupten, dass viele Unternehmen ihre Kund:innen bis heute nie wirklich verstanden haben. Nur jene Unternehmen, die auf die richtigen Emotions- und Erlebnismuster setzen, werden begeistern.“ Kund:innen sind heute aufgeklärt, haben ein enormes Basiswissen und klare Vorstellungen, wie sie Regenerations-, Urlaubs- und Freizeit sinnvoll gestalten wollen. Diese Bedürfnisse subtil aufzugreifen und in einer „Customer Journey“ perfekt umzusetzen, macht am Ende den Erfolg aus, ist Wieser überzeugt: „Die vergangenen Jahrzehnte waren geprägt von einem enormen Wachstumsmarkt und haben viele Führungsfehler in Strategiearbeit und Management verziehen. Aber angesichts der multiplen Krisen im Bereich Klima, Sicherheit und eines damit einhergehenden Wertewandels rund um die Generation Z ist ein Wettbewerb um die besten Geschäftsmodelle und die richtigen Zukunftsbilder ausgebrochen.“

Zur Person:
Andreas Wieser

hat 1984 das Medical Resort Lanserhof mitbegründet und war dort bis 2011 Mitbesitzer und Geschäftsführer. Heute ist er geschäftsführender Gesellschafter der Vayu International Consulting und berät weltweit Destinationen und Unternehmen zum Thema Tourismus und Future Health. Gemeinsam mit Dipl.-Ing. Arch. Monika Gogl – Gogl Architekten – entwickelt er innovative, ökologische und konzeptuelle Hospitality-Konzepte. Darüber hinaus ist er ein gefragter Redner und Vortragender.

Tirol habe hier großartige Chancen. Die Frage sei aber, wie dieser Riesenschatz für die Gäste kommuniziert und dann entsprechend transferiert werde. Angesichts kürzerer Skisaisonen, sinkender Niederschläge, höherer Temperaturen, aber auch höherer Lebenserwartung und einer steigenden Anzahl chronischer Erkrankungen brauche es eine Vielzahl von intelligenten, spezifisch entwickelten Angeboten, die in Summe ganzjährige Auslastung und Wertschöpfung steigern können.

Gesundheit als Megatrend
Der enorme Wandel in der Gesundheit müsse für den Kraftplatz Tirols und die hier angesiedelten Unternehmen Inspiration sein. In den letzten 30 Jahren gab es eine Entwicklung weg vom engen, symptomorientierten Gesundheitsverständnis hin zu einem holistischen, Körper-Geist-Seele-integrierenden Verständnis, ist Wieser überzeugt: „Gesundheit ist heute Ausdruck einer Lebensphilosophie, man will gesund alt werden und gesund jung bleiben.“ Die Schicht der wirtschaftlich gut abgesicherten „Silver Society“ gelte es zum Beispiel mit neuen Angeboten gezielt abzuholen: Proaging, Medical Fitness, Prävention oder auch Bio-Hacking seien Schlagwörter, die diesen Weg ausleuchten. Wenn Menschen versuchen, Körper und Geist auf integrative Weise in Einklang zu bringen, dann könne Tirol mit seiner einzigartigen Natur und seinen natürlichen und regional produzierten Nahrungsmitteln den globalen Markt noch sehr viel eindeutiger ansprechen. Tirol habe gerade im Gesundheits- und Regenerationsbereich gute Karten, wie verschiedene Grundlagenforschungen bewiesen haben. „Ich erinnere hier etwa an die AMAS-Höhenstudie, die eindeutige Gesundheitseffekte bei Bewegung in mittlerer Höhenlage nachweisen konnte. Gerade weil die klassische Medizin an gewissen Stellen an ihre Grenzen stößt, ist die Erhaltung der körperlichen wie mentalen Gesundheit und Fitness durch natürliche Ressourcen ein Megatrend. Selbstverantwortung des Einzelnen zu fördern, ist eine neue Aufgabe.“

Bereits heute gäbe es erfolgreiche Häuser in Tirol, die die Erlebnis- und Erfahrungstiefe entlang der Gästereise top gestalten. Diese geglückten Einzelstrategien zu bündeln und konzentriert auf ganze Destinationen zu überführen, das wünscht sich Wieser, der es pointiert auf den Punkt bringt: „Heute braucht jeder Betrieb im Grunde einen Zukunftsmanager – einen ‚Chief Tomorrow Officer/CTO‘ –, der die neuen Märkte und Bedürfnisse erkennt und dafür attraktive Zukunftsszenarien entwickelt und so sein Unternehmen wie die Regionen fit für morgen macht.“ Die Sehnsüchte der Zielgruppen und ideal ausgerichtete Angebote dafür können durch Digital-Plattformen und künstliche Intelligenz/KI noch viel schneller und effizienter zusammengebracht werden. Der Zusammenschluss mehrerer Betriebe zu gemeinsam definierten Forschungsthemen im „Hospitalitymarkt“ könnte dafür weltweit wegweisend sein.

Mann bei Infinity Pool
Tirol bietet die perfekten Voraussetzungen für Ganzjahresangebote, vor allem im Gesundheits- und Wellnessbereich.
© Haindl Ramon

Arbeitsmarkt und Generation Z verstehen lernen
Die Tourismusangebote rund um Wellness, Wellbeing und Health seien aber auch ein besonders personalintensiver Bereich. „Wir befinden uns in Tirol – wie überall sonst auch – in einem nie dagewesenen Wettbewerb um zukunftsfähige Ressourcen und rein menschliche Fähigkeiten. Der größte Engpassfaktor im touristischen Transformationsprozess ist die nächste Generation an Mitarbeiter:innen, wenn jetzt die sogenannten Babyboomer das Arbeitsfeld verlassen. In Deutschland fehlen bis 2030 ca. drei Millionen Erwerbspersonen. Umgelegt auf Österreich bedeutet das in der Regel ein Zehntel.“

Der Schlüssel des Erfolgs liege daher auch in der Erkenntnis, dass man sich mit dem Arbeitsmarkt von morgen und der Generation Z intensiv auseinandersetzen müsse. „Die Kraft des überall einsetzenden Wandels verändert Werte radikal. Die Jungen wollen nicht weniger arbeiten, sie wollen anders arbeiten, einen gewissen Freiraum haben, aber auch Sinn finden in einem Tun, das begeistert und fordert. Die Generation Z fühlt sich nicht immer ernst genommen, ist manchmal unbequem, aber gut ausgebildet, wissbegierig und zukunftsfähiger in ihrer Digitalkompetenz, als wir manchmal wahrhaben wollen.“

„Gesundheit ist heute Ausdruck einer Lebensphilosophie, man will gesund alt werden und gesund jung bleiben.“

Unbequeme Fragen stellen und gleichzeitig wissbegierig und optimistisch in die Zukunft schauen – allesamt Attribute, die man auch Andreas Wieser zuschreiben möchte. Ihm, dem Zukunftsgestalter, der mit glänzenden Augen von seinen spirituellen Reisen erzählt, von Projekten in Bhutan, China und Italien, möchte man lange zuhören. Wenn er energiegeladen am Lansersee sitzt und mit spitzbübisch aufblitzendem Charme so jugendlich wirkt, wie viele Heranwachsende es gerne wären. Oder wenn er via Videokonferenz seine Fastenwochen für uns unterbricht, um zu beschwören, dass es koordinierte Entwicklung und Forschung brauche, um Gäste von morgen zu begeistern. „Wer schreibt die Drehbücher der Zukunft, wie talentiert sind die jungen Regisseur:innen für die touristische ‚Health Show‘ in Unternehmen und Destinationen?“, fragt er uns eindringlich, als wir schließlich gemeinsam über eine verantwortungsvolle alpine Tourismusentwicklung philosophieren. Für ihn war einst der „Cirque du Soleil“ die Inspiration, weil damit die Bühne des normalen Zirkusses verlassen und erst dadurch eine Transformation möglich wurde. „Diese geniale Grenzüberschreitung war für mich das Vorbild für die Entwicklungen im damaligen Lanserhof“, erinnert sich Wieser mit einem Augenzwinkern.

THEMEN IN DIESEM ARTIKEL:
#Tourismusforschung
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