Touristen sind die anderen
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Reisende gibt es seit Menschengedenken. Touristen dagegen – zumindest im engeren Sinn – sind eine relativ neue Entwicklung. Sie haben vor etwa 150 Jahren begonnen, die Welt zu erobern. Erst waren es einige Wohlsituierte, die sich aufmachten, Länder nah und fern zu erkunden. Inzwischen ist Reisen aber ebenso billig wie einfach. Und so bilden heute die Massen, die oft die Einwohnerzahl ihrer gut erschlossenen Destinationen um ein Vielfaches übertrumpfen, das Rückgrat der weltweit drittgrößten Industrie. Und das Wachstum der Tourismusbranche ist weiterhin ungebremst.
Selbstbild
Doch während Destinationen um Touristen buhlen, wollen
diese gar keine sein – und sich schon gar nicht so
fühlen. Das zeigt die Entwicklung der Angebote: Kost und
Logis sind keine Zugpferde mehr. Stattdessen stehen
Erlebnisse ganz oben auf der Wunschliste von Gästen –
individualisiert, anders und abseits der vielzitierten,
ausgetrampelten Pfade. Touristen suchen das Neue, das
Unbekannte
und das noch nicht Erlebte – Orte und Erfahrungen, die
„echt“ und unverdorben sind.
„Dabei geht es um Intensität – gewissermaßen einen selbst verabreichten Kulturschock“, meint Valentin Groebner. Der Historiker befasst sich in seinem Buch „Retroland“ mit dem Thema Geschichtstourismus und der Authentizität, auf die Touristen aus sind. Denn Alltag und Routine stumpfen ab. Daraus auszubrechen ist das höchste Ziel des Reisenden. Das gelingt ihm nur, wenn er sich neuen Eindrücken aussetzt. Und diese erreichen nur das Höchstmaß der Intensität, wenn sie als „echt“ empfunden werden.
„Das vermeintlich einfache Leben lockt. Einfach deshalb, weil es anders ist und von außen betrachtet weniger komplex. Und weil es ein Wechsel auf Zeit ist. Das ist das Entscheidende: Das Erlebnis ist reversibel.“
Sich selbst im Weg
Dabei begegnen ihm Hürden – und eine davon ist nicht zuletzt er selbst. „Touristen haben die Tendenz, Touristen zu verachten“, diagnostiziert der Autor. „Selbst will man dementsprechend keiner sein: Man sieht sich als Reisender, der individuell erlebt. Touristische Herdentiere, das sind die anderen.“ So ist jeder Tourist ein Stück weit in seinem eigenen Film unterwegs, in dem er die Hauptrolle übernimmt: die des Abenteurers, des Entdeckers. Dieser Selbstinszenierung stehen andere im Weg. Und das ist nichts Neues.
Schon Ende des 19. Jahrhunderts beklagten sich Schriftsteller über andere Reisende, erzählt Groebner: „Und da sieht man, die gehen sich gegenseitig auf die Nerven. Sie merken: Nicht nur ich habe Möglichkeiten, sondern auch andere – und denen will ich dort gar nicht so gerne begegnen.“ Denn Touristen bringen Vertrautes mit in die Fremde, nach der gesucht wird. Und das rüttelt an der Illusion der geglückten Flucht vor dem Alltag und der eigenen Herkunft.
Touristisches Theater
Allerdings sind nicht nur andere Gäste dem Unbekannten und der Intensität im Weg. Auch die Natur des Tourismus selbst wird zur Hürde: Eine der weltweit größten Dienstleistungsindustrien lebt nicht zuletzt davon, zu verschleiern, dass sie Dienstleistungen bietet. Anstelle von Konsumenten eines Produkts wollen sich die Touristen als Gäste sehen. „Das ist ein menschlich verständliches Bedürfnis“, sagt Groebner. So ist Tourismus bis zu einem bestimmten Grad immer ein Theaterspiel. Früher war das oft ein Wechsel nach oben – man konnte wenige Wochen „reich“ sein. Leben, ohne zu arbeiten. Aber es gab und gibt auch den gegenläufigen Trend – heute mehr denn je. „Das vermeintlich einfache Leben lockt“, so Groebner. „Einfach deshalb, weil es anders ist und von außen betrachtet weniger komplex. Und weil es ein Wechsel auf Zeit ist. Das ist das Entscheidende: Das Erlebnis ist reversibel.“ Wäre der Wechsel permanent, würden sich die Komplexitäten ebenso erschließen wie die Routinen anstelle des Neuen treten – und damit ginge die Intensität verloren.
Buchtipp
Valentin Groebner: Retroland: Geschichtstourismus und die Sehnsucht nach dem Authentischen, S. Fischer (2018), 224 Seiten.
In seinem aktuellen Buch setzt sich Valentin Groebner mit der Faszination von Reisen an historische Stätten auseinander. Dahinter sieht er das wahre Bedürfnis der Touristen: die Suche nach den eigenen Ursprüngen, dem Authentischen und Unverfälschten.
Zeichen der Zeit
Was hinter diesem Bedürfnis steckt, lässt sich bestenfalls vermuten. Fakt ist: für die meisten Touristen hat Reisen seinen Status als Privileg eingebüßt – zu leistbar und zu einfach ist es mittlerweile. Damit ist die reine Tätigkeit auch keine exklusive Erfahrung mehr. Zugleich sind die Konsumenten touristischer Angebote mit deren zunehmender Masse nicht nur kritischer. Sie haben auch ein Maß an Selbstreflexion erreicht, das der selbst-verordneten Illusion im Wege steht. Zusätzlich angetrieben durch die Möglichkeiten, die eigene Erfahrung digital und in Echtzeit zu teilen –, und sich nicht zuletzt anhand der eigenen Erlebnisse zu definieren – nimmt die größte Sehnsucht des Touristen zusehends zu: keiner zu sein.
Buchtipp
Marco d’Eramo: Die Welt im Selfie. Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters, Suhrkamp (2018), 362 Seiten.
Auf eine Besichtigungstour durch das „touristische Zeitalter“ begibt sich der italienische Autor und Journalist Marco d’Eramo. Dabei erörtert er nicht nur die „touristische Perspektive“, sondern auch, welche Spuren die Besuchermassen in ihren Destinationen hinterlassen.
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