Kulturell authentisch
© AMI Promarketing
Was den Einheimischen gefällt, gefällt auch den Touristen. Auf diese knappe Formel bringt Alois Schöpf, Leiter der Innsbrucker Promenadenkonzerte, das Grundprinzip kulturtouristischer Veranstaltungen. Mit den Konzerten führt er die lange Tradition der Harmonie- und Dorfmusik weiter, bei der die Blaskapellen symphonische Musik unter die Leute brachten, und fand mit der Idee auch rasch Unterstützung bei Stadt Innsbruck und Tourismusverband. Seit 2000 finden die Konzerte im Innenhof der Hofburg statt, besucht werden sie von allen: „Da mischen sich Touristen und Einheimische, Städter und Landler“, zeigt sich Schöpf begeistert.
Events ganz oben
Authentisch sind die Promenadenkonzerte auch deshalb, weil sie besonders gut ins Tirolbild passen: Traditionskultur und Sehenswürdigkeiten gehören in der Außenwahrnehmung zu Tirol dazu – fast so wie das Skifahren. Um Letzteres ging es zwei Hotspots des Wintertourismus, als sie die Wintersaison vor allem in den Frühling hinein ausdehnen wollten: Sowohl im Hinteren Ötztal als auch in Ischgl gingen TVB und Seilbahngesellschaft Kooperationen ein, um selbst Events auf den Bergen zu veranstalten. In Ischgl entstanden daraus 1995 die Top-of-the-Mountain-Konzerte, in Sölden 2002 das Electric Mountain Festival. Gebucht werden die jeweils gerade angesagten Stars der Livemusik- bzw. DJ-Szene. Besucher sind Wintertouristen, die solche Konzerte im Sporturlaub „mitnehmen“, Eventtouristen, die ihren Skiaufenthalt drumherum planen, und nicht zuletzt die Menschen vor Ort, die das Staraufgebot sehr zu schätzen wissen.
Klassik in den Alpen
Anders als bei den Promenadenkonzerten, bei Top of the Mountain und dem Electric Mountain Festival werden die Open-Air-Konzerte mit der Mezzosopranistin Elīna Garanča von der niederösterreichischen AMI Promarketing GmbH ohne Beteiligung eines einheimischen Kulturveranstalters und mit lediglich finanzieller und medialer Unterstützung des Tourismusverbandes Kitzbühel durchgeführt. Die AMI übertrug einfach „Klassik unter Sternen“ in Stift Göttweig als „Klassik in den Alpen“ nach Kitzbühel. Mit dem Kulturland Tirol hat die Veranstaltung insofern zwar wenig zu tun, der Zuspruch durch Touristen und Einheimische ist dennoch ungebrochen groß.
„Im ‚Ausnahmezustand‘ Urlaub sind Menschen viel stärker für Kultur ansprechbar als daheim. Darauf kann man aufbauen.“
Abseits des Mainstreams
Bleibt noch die Frage nach den in den Regionen gewachsenen Initiativen, deren zeitgenössische Kulturveranstaltungen dem geltenden Tirolbild weniger entsprechen. Bei diesen sind die Verbindungen zwischen Kulturschaffenden, Touristikern und Tourismusverbänden oft nur lose geknüpft, Kooperationen gehen trotz gegenseitiger Wertschätzung über Sponsoring und regionale Bewerbung durch die TVBs kaum hinaus, wie Verena Teissl, Professorin für Kulturwissenschaft und Kulturmanagement an der FH Kufstein, 2016/17 in einer Studie zum „Kulturtourismus in Tirol“ herausgefunden hat (siehe Buchtipp). Dafür gibt es laut Teissl mehrere Gründe: Zwischen Tourismus und Kulturschaffenden bestehe ein Zielkonflikt – ökonomische Ziele da, Kulturauftrag dort –, auch werde Kultur im Image Tirols, das auf Sport, Natur, Lifestyle etc. ausgerichtet ist, kaum mittransportiert. Selbst wenn hochkulturelle bis alternative Formate erfolgreich sind und von sich aus über Tirol ausstrahlen, wie das Theaterfestival Steudltenn im Zillertal oder das Straßentheaterfestival Olala in Lienz, werden sie von touristischen Institutionen kaum als Teil des an Touristen gerichteten Images nach außen transportiert.
Im Schatten der Alpen
Dem Abhilfe zu schaffen, ist schwierig. Denn zum einen besteht im touristisch erfolgreichen Tirol kein großer ökonomischer Druck – wie er etwa im Ruhrgebiet oder Niedersachsen eine grundlegende Neupositionierung als Kulturregion notwendig machte –, zum anderen hat das Land bereits ein Alleinstellungsmerkmal, das „alle anderen Themen überragt: die Alpen. Das ist eine so tolle und beliebte Marke, dass daneben nichts Vergleichbares positioniert werden kann“, meint Teissl.
Doch auch wenn Tirol nicht vorrangig als Kulturland gesehen wird, lohnt es sich für Touristiker und Kulturschaffende, gemeinsam in dieser Richtung weiterzuarbeiten. Neben Großevents und Brauchtumskultur auch die vielfältigen anderen Kulturaktivitäten sichtbar zu machen, trägt letztlich zur Authentizität des Tirolbildes bei. Denn auch dort gilt: Was dem Einheimischen gefällt, gefällt auch den Touristen.
Buchtipp
Verena Teissl, Klaus Seltenheim
Kulturtourismus in Tirol
Chancen und Widerstände in einer Alpenregion,
Bielefeld 2017
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