Die Möglichkeiten der Zusammenarbeit ausloten
© Kufsteinblick
Tirol, das ist für die meisten im Winter Skifahren, im Sommer Wandern. Schwebt den Gästen in der kalten Jahreszeit eine verschneite Winterlandschaft vor, so haben die Tirol-Besucher in der warmen Jahreszeit vor allem herrliche Aussichten und urige Almen im Kopf. Der Tourismus profitiert von der Kulturlandschaft – gepflegt wird sie von den Bauern. Umgekehrt lassen sich die meisten Höfe und Almen leichter bewirtschaften und erhalten, wenn über den Ausschank, den Verkauf von Produkten Einnahmen hereinkommen. Ein einfaches Beispiel, das zeigt, wie eng Tourismus und Landwirtschaft miteinander verknüpft sind. Nicht immer ist das allen Seiten bewusst. Mittlerweile gibt es einige Initiativen in Tirol, die genau diese Verbindung aufzeigen und intensivieren – zum Nutzen aller Beteiligten.
In Kooperation
Für Josef Lanzinger ist klar: An Tourismus ist ohne diese Kulturlandschaft nicht zu denken, umgekehrt profitieren viele Bauern vom Tourismus. Sie arbeiten in der Wintersaison im Tourismus, haben selbst Gasthäuser, Skihütten, Almausschank oder bieten Urlaub auf dem Bauernhof an. Zudem haben sie die Möglichkeit, ihre Produkte zu verkaufen. Eines der besten Beispiele dafür, wie Tourismus und Landwirtschaft zum Nutzen beider zusammenarbeiten können, sieht der Obmann des Tiroler Almwirtschaftsvereins in der Region Serfaus-Fiss-Ladis.
„Die Almwirtschaft muss von den Gastronomen als Bereicherung gesehen werden, nicht als Konkurrenz.“
Der dortige Tourismusverband machte sich dafür stark, dass die in der Umgebung gezüchteten Rinder in den Restaurants auf die Teller kommen. Involviert sind Hotellerie und Gastronomie, Gewerbe und natürlich die Bauern. Jedes Jahr vereinbaren Metzger und Landwirte einen Fixpreis. „Das bedeutet für die Bauern 34 Prozent mehr als handelsüblich und eine garantierte Abnahme für die Restaurants, dass sie eine Spezialität aus der Region anbieten und als solche in ihren Speisekarten bewerben können“, ergänzt Lanzinger.
Im Werden
Ein ähnlich gelagertes Projekt könnte in der Region Kufstein-Kitzbühel entstehen. In Söll errichtet ein auf Lohnschlachtungen für Bauerngasthöfe spezialisierter Metzgereibetrieb eine neue Schlachtanlage. Sämtliche Abläufe sollen am Tierwohl orientiert sein. „Ziel sind eine schonende Schlachtung und höchste Fleischqualität“, erläutert Lanzinger. Die Tiere werden dabei, so der Plan, zu 95 Prozent aus der Region Kufstein-Kitzbühel kommen.
Um das Projekt zu starten und entsprechende Strukturen aufzubauen, kooperieren Tourismusverbände, Bauern, Gewerbebetriebe und Landwirtschaftskammer. Zudem ist ein Großhändler im Boot, der die Hotellerie direkt beliefert. Mehr noch: Bauern kauften Schlacht-Gutscheine im Wert von mehr als 600.000 Euro und finanzierten so die Errichtung der Anlage mit.
„Wir müssen vermitteln, wie wertvoll regionale Lebensmittel sind, welchen Genuss sie bereiten.“
Gleichzeitig unterstützt die Initiative den Erhalt der Almen. „84 Prozent der Rinder, die hier geschlachtet werden, sind davor auf der Alm gewesen“, so Lanzinger. Er betont: „In Tirol almen noch 57 Prozent der Kühe im Sommer, in Bayern sind es gerade einmal 0,3 Prozent.“ Die Tiroler Almwirtschaft sei ein Juwel, das es zu erhalten gelte – ein wesentlicher Grund für die Tourismusverbände das im Entstehen begriffene Projekt maßgeblich mitzufinanzieren.
Auf Zusammenarbeit
Für Johann Mauracher, Obmann des Tourismusverbands Kufsteinerland, ist fundamental, dass Tourismus und Wirtschaft und somit auch Landwirtschaft eng zusammenarbeiten. Als TVB-Obmann unterstützt er Ideen in diese Richtung, als Hotelier und Landwirt zeigt er in seinem eigenen Betrieb, wie es funktionieren kann. Vor einigen Jahren hat Mauracher einen Bauernhof in Thiersee gekauft.
Selbst auf einem Hof aufgewachsen, wollte er nicht nur zurück zu den Wurzeln, ihm ging es auch darum, hofeigene Erzeugnisse direkt zu verwerten und seinen Gästen das bäuerliche Leben zu vermitteln. „Wir machen regelmäßig Hofführungen, stellen regionale Produkte her, laden Gäste in die Bauernstube und kredenzen ihnen Gutes aus der Tiroler Küche. Wir denken ganzheitlich in allen Bereichen“, erläutert Mauracher. Er sieht im Lindhof eine Art Musterbetrieb, der Touristikern Anregungen liefert: „Nicht jeder kann oder will einen Bauernhof übernehmen, aber jeder hat Bauern in der Umgebung, die ihn mit Produkten versorgen können.“
© Tirol Werbung
So ließen sich langfristige vertrauensvolle Partnerschaften aufbauen: Der Bauer habe einen guten Abnehmer, der Hotelier könne seinen Gästen Erstklassiges aus der Region anbieten. „Wir haben so vieles direkt vor der Haustür. Unsere Pflicht als Unternehmer ist es, das weiterzugeben“, ist Mauracher überzeugt. Im Aufbau ist ein von TVB Kufsteinerland und Landwirtschaftskammer getragenes Netz, in dem regionale Produkte vermarktet werden.
Am Anfang
Schon bei den Auszubildenden setzt eine Kooperation zwischen der Tiroler Fachberufschule für Tourismus und Handel (TFBS) Landeck und der Landwirtschaftlichen Lehranstalt (LLA) Imst an. In einem Pilotprojekt kamen Lehrlinge aus beiden Bereichen zusammen. „Die SchülerInnen der TFBS Landeck konnten durch dieses Projekt Erfahrungen im Bereich der Produktion von regionalen Produkten sammeln und die SchülerInnen der LLA haben den Verarbeitungsprozess im Tourismus kennengelernt“, so Josef Gstrein, Direktor der LLA Imst, und sein Kollege Günther Schwazer von der TFBS Landeck.
Die Auszubildenden erfuhren einerseits, wie Produkte in der Landwirtschaft hergestellt werden müssen, damit sie in der Gastronomie eingesetzt werden können, andererseits wo und wie diese Erzeugnisse hergestellt werden. Zudem wird eine Vertriebsschiene als Bindeglied zwischen Landwirtschaft und Tourismus aufgebaut.
Wichtig ist, dass solche Projekte langfristig angelegt und mit Engagement von allen Seiten vorangetrieben werden.
2017 wurde die „Initiative Landwirtschaft und Tourismus“ von der Landwirtschaftskammer Tirol und der Tirol Werbung begründet. Sie befasst sich derzeit mit den drei Themenfeldern Kulinarik und Lebensmittel, Interessenausgleich sowie Bildung, welche in Arbeitskreisen zu konkreten Projekten führen.
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